Kategorien
Corona

Ich bin der wahre Weinstock

Johannes 15, 1 – 27, 3. Mai 2020 in der Übersetzung von Johannes Lauten

Ich bin der wahre Weinstock, mein Vater ist der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er hinweg, und jede die Frucht trägt, reinigt er, damit sie reichere Frucht erbringe. Ihr seid schon auf der Erde geläutert worden durch das Wort, dass ich zu euch sprach. Bleibet Treue bewahrend in mir, und ich bleibe in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so kann auch euer ewiges Wesen nicht reifen, wenn ihr nicht bleibet in mir. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer mein Wesen in sich bewahrt, in dem werde ich wirken, und er wird reiche Geistesfrucht erbringen; denn ohne mich vermögt ihr nichts. Wer mein Wesen nicht in sich bewahrt, wird vereinsamen und verdorren, wie eine Rebe, die abgeschnitten wurde. Man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und verbrennt sie. Wenn ihr mich in euch bewahrt und die Gedankenkräfte, die von mir ausgehen, euch erhalten bleiben, dann werdet ihr bitten können, was immer ihr wollt, und es wird euch gegeben werden. Darin erst wird mein Vater geoffenbart, dass ihr reiche Geistesfrucht erbringt und werdet so meine wahren Jünger. Wie mich der Vater in der Kraft seiner Liebe trägt, so bilde ich an eurer Geistgestalt mit der Kraft meiner Liebe. Bleibet in dieser meiner Liebe. Wenn ihr meine Geistesziele in euch lebendig erhaltet, dann bleibt ihr Treue bewahrend in meiner Liebe, so wie ich die Weltenziele meines Vaters in mir trage und bleibe in seiner Liebe.

Alle diese Worte habe ich zu euch gesprochen, auf dass meine Freude in euch wirke und eure Freude ihre Vollendung finde. Dies ist mein Geistesauftrag an euch: Liebet euch, einer den andern, so wie ich euch geliebt habe. Eine größere Liebe kann niemand haben, als das er sein Leben einsetzt für seine

Freunde. Meine Freunde seid ihr immer dann, wenn ihr meinen Willen in euer Handeln aufnehmt. Ich will euch nun nicht mehr Diener oder Knechte nennen, denn der Diener überschaut nicht, was sein Herr tut. Ich will euch Freunde nennen, denn alles, was ich vom Vater vernommen habe, das habe ich euch zur Erkenntnis übergeben. Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch zu mir erwählt und habe euch bestimmt, den Erdenweg zu gehen und euer Schicksal zu vollenden; und die Schicksalsfrucht eures Erdenweges soll euch erhalten bleiben. Denn was ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen das wird er euch geben. Dies sei euer Geistesziel auf Erden: Liebet euch, einer den andern.

Wenn die Welt euch hasst, so sollt ihr wissen, dass sie mich vor euch gehasst hat. Wäret ihr aus der Welt hervorgegangen, die Welt würde lieben was ihr angehört. Ihr aber stammt nicht von dieser Erde, seit ich euch aus dem Menschenreich zu mir erwählt habe. Darum hasst euch die Welt. Gedenket des Wortes, dass ich zu euch gesprochen habe: Ein Knecht ist nicht wichtiger als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, so werden auch euch verfolgen. Wenn sie mein Wort nicht in sich bewahrt haben, so werden sie auch euren Worten kein Gehör schenken, sondern in allem werden sie euch entgegen wirken um meines Ich-Wesens willen; denn sie kennen den nicht, der mich gesandt hat. Wäre ich nicht gekommen und hätte zu ihnen gesprochen, sie wären ohne Schuld. Nun aber können sie ihrer Schuld nicht ausweichen; denn wer mich hasst, der hasst auch meinen Vater. Hätte ich nicht die Werke getan in ihrer Mitte, welche nie ein anderer vollbringen konnte, sie hätten keine Schuld. Nun aber haben sie meine Taten mit Augen gesehen und dennoch mich und meinen Vater gehasst. So geht in Erfüllung das Wort, dass in ihrem Gesetzt geschrieben ist: „Ihr Hass gegen mich ist ohne Grund.“

Wenn aber der Tröster kommen wird, den ich euch senden werde vom Vater – der Geist der Wahrheit, der ausgeht vom Vatergott -, dann wird er mein Wesen offenbaren auf Erden, und auch ihr sollt aus meiner Kraft wirken, denn seit dem Urbeginne seid ihr verbunden mit mir.

Kategorien
Aktuelles

Sonntagsgabe vierter Ostersonntag

Liebe Mitglieder und Freunde der Christengemeinschaft!

Sie erhalten mit dieser Post zusammen zugeschickt ein Blatt mit dem Titel: Hygiene-Konzept der Gemeinde Köln-Ost. Ja, auch wir müssen trotz der großen Freude, dass es weiter geht, noch eine Zeit aushalten mit zusätzlichen Regeln.

Sie können sich vielleicht ein wenig vorstellen, wie es sich anfühlt, als Priester der Gemeinde zu schreiben, wie Sie sich verhalten sollen. Ich bitte dafür um Ihr Verständnis.

Was die Sonntagsgabe betrifft:

Auf diesem Wege an Sie, liebe Gemeinde, zu schreiben, ist eine besonders erfüllende Aufgabe. Aber es ist wie mit allen Dingen, die man in besonderen Situationen beginnt: Wenn die Situation vorüber ist, was macht man dann damit?

Darauf habe ich noch keine Antwort. Es gibt mehrere Möglichkeiten und die eine oder andere werde ich wohl wahrnehmen. Ich bedanke mich zunächst bei Ihnen für die vielen ermutigenden und lieben Worte, die ich im Laufe der letzten Wochen erhalten habe.

Das Evangelium für die vierte Woche spricht von dem Weinstock und der Rebe. Von Vater und Sohn. Von Liebe und Treue. Von der Kraft zu bewahren. Und auch von der Freude. So dachte ich, Ihnen einen kleinen Text über die Freude beizulegen.

Sie erhalten ausserdem natürlich das Evangelium der Woche und auch die Geschichte für die Kinder von Georg Dreissig.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und freue mich auf das Wiedersehen mit Ihnen.

Ihre Anna Hofer

Download Sonntagsgabe 03.05.2020
Download Hygiene Konzept

Kategorien
Corona

Blumenbildern aus dem Garten

Kategorien
Corona

»… denn Leiden ist Versteck fürs Licht«

von Georg Dreißig

Manchmal hilft ein überraschendes Bild schneller. einen Zusammenhang zu verstehen, als es viele zutreffende Begriffe zu leisten vermögen. So ist es mir mit dem folgenden Gedicht von Nelly Sachs gegangen, als ich neuerlich über das Wesen des Menschen und seinen Anteil an Vergangenem einerseits und Zukünftigem andererseits rätselte. Die Dichterin schreibt:

»Und wickelt aus, als wären‘s Linnentücher, darin Geburt und Tod ist eingehüllt, Buchstabenleib, die Falterpuppe aus grüner, roter, weißer Finsternis, und wickelt wieder ein in Liebesleiden wie Mütter tun; denn Leiden ist Versteck fürs Licht.   Doch während er wie Sommer oder Winter handelt, schwebt schon Ersehntes, sehnsuchtsvoll verwandelt.«11

Gewiss, zunächst hat man Schwierigkeiten, überhaupt zu verstehen, was da zu einem gesagt worden ist. Man muss wieder und wieder verweilen, darf nicht an den einzelnen Wörtern vorbeihuschen, wie wir es gewöhnlich tun, wenn wir uns verständigen. Man muss sich Rechenschaft ablegen darüber, was man verstanden hat und was noch nicht. Versuchen wir das, dann bemerken wir, dass die Dichterin eine Tätigkeit beschreibt, die am »Buchstabenleib« vollzogen wird: Der »Buchstabenleib« wird ausgewickelt, und er wird wieder eingewickelt. Ausgewickelt wird er aus »Linnentüchern, die Geburt und Tod einhüllen«; sie nennt sie auch »grüne, rote, weiße Finsternis«. Eingewickelt wird er in »Liebesleiden«. Für dieses neuerliche Einwickeln wird sogar ein Grund angegeben; es heißt, es geschehe »wie Mütter tun; denn Leiden ist Versteck fürs Licht«. Der »Buchstabenleib« wird aus seinen Verhüllungen ausgewickelt und also anschaubar oder, dem verwendeten Bild entsprechender: Er wird lesbar. Den »Buchstabenleib« – wir suchen ihn im Grunde in allen Wahrnehmungen, die wir machen. Wir geben uns nicht mit dem reinen Sinneseindruck zufrieden, sondern wir wollen, was wir wahrnehmen, auch verstehen, wollen zumindest den Namen kennen dessen, was wir gesehen, gehört oder getastet haben. Wir wollen seine Gesetzmäßigkeiten ergründen, etwas über sein Warum, Woher und Wozu erfahren. Dem Sinnlichen wollen wir seinen Sinn ablesen; das Erscheinende soll uns das in ihm Verborgene enthüllen, wie der Buchstabe es tut: Er ist nicht nur wahrnehmbar, sondern er lässt sich zugleich lesen, d. h. er vermittelt uns mit der Wahrnehmung zugleich seinen Sinn. Als »Buchstabenleib« erscheint uns die sinnliche Welt im Ganzen und jede einzelne Erscheinung in ihr. Als »Buchstabenleib« betrachten wir uns insbesondere als Menschen, indem wir über den Sinn unseres eigenen Daseins rätseln. Wer von uns könnte sich schon mit der Tatsache, einfach Dasein zu haben, zufriedengeben, wenn er mit diesem Dasein nicht noch einen tieferen Sinn verbinden könnte!

Hinblickend auf den Menschen, wie wir ihn wahrnehmen können – am anderen oder an uns selbst –, hinblickend auf unsere eigene Erscheinung als einen  »Buchstabenleib«, werden wir durch das kleine Gedicht von Nelly Sachs angeregt zu bemerken: Der, nach dem du da fragst, den du verstehen willst, der ist verhüllt, und die Hülle verrät dir zunächst gar nicht, ob du auf Lebendiges oder Totes schaust. Um das festzustellen, muss man die Hüllen entfernen, die Hüllen, die da sind: »grüne, rote, weiße Finsternis«. Sinnen wir ein wenig darüber nach, was uns das Wesen des Menschen verhüllt. Im unmittelbaren Wahrnehmen sind es zunächst die Lebensattribute: Alter, Geschlecht, Volkszugehörigkeit u. a. Ich sehe eine ältere Dame, einen kleinen Jungen, einen Greis. Das ewige Menschenwesen ist darin verhüllt. Man kann die Attribute des konkreten Lebens einmal verstehen als die »grüne Finsternis«, die das Menschenwesen mit Lebensäußerungen umhüllt. Eine weitere Hülle ist in den vergangenen 100 Jahren immer wichtiger geworden dadurch, dass sich die Anschauung durchsetzte, der Mensch sei ein höheres Tier. Was im vergangenen Jahrhundert zunächst die vergleichende Anatomie festgestellt hat, das hat in unserem Jahrhundert die Verhaltensforschung zu bekräftigen gesucht, indem sie auch das Tun und Lassen des Menschen zurückgeführt hat auf bestimmte Verhaltensmuster im Tierreich. Der Mensch, der sich innerlich aufgerufen fühlt, sein Verhalten selbst zu bestimmen und zu verantworten, wurde da angebunden an Mechanismen, die über Jahrtausende hinweg eine bestimmte Art und Weise des Betragens begründet haben sollen. Das Freiheitsempfinden mag sich dagegen wehren, sich in unzulässiger Weise eingeengt fühlen. Das Wahrheitsempfinden wird aber beschämt anerkennen müssen, dass vieles von dem, was in der Verhaltensforschung vorgetragen wird, das eigene Verhalten tatsächlich beschreibt. Das Menschliche – nach Art der Tiere bestimmt und festgelegt. Diese Anschauung erkennt den Menschen von Seiten des Tieres, aber in dieser Hülle, in dieser »roten Finsternis«, erleidet das Menschenwesen letztlich den Tod, kann sich nicht frei entfalten. Wir sehen das Tote des Menschen, wenn wir auf das blicken, was ihn mit dem Tier verwandt macht. Ist nicht das Wesen des Menschen aus der Freiheit geboren? Sind wir nicht als Kinder des Himmels in dieses Erdenleben eingetreten, wohl wissend, welche Absicht, welches Ziel wir damit verfolgen? Ist nicht dies unser Adel, dass wir unsere Lebenskraft immer wieder erneuern dürfen aus jenem Hinblicken auf das Ziel? Wer wollte dem Gesagten nicht zustimmen! Dennoch gründet auch diese Aussage zunächst darauf, dass der Mensch verhüllt wahrgenommen wird, jetzt aber in »weißer Finsternis« verhüllt. Wir schauen nicht auf das gegenwärtige Menschenwesen, sondern auf das, was einmal werden will, was einmal die Kraft erlangen will, bewusst von seinem himmlischen Ziel her sein Leben zu führen. Was wir beschrieben haben, ist gar nicht das Menschenwesen selbst, sondern – sein Engel. Wie wir das Tier zurücklassen müssen, um wahrhaft Mensch sein zu können, so müssen wir uns den Engel erst noch zu eigen machen. In der Verhüllung aus »weißer Finsternis« birgt sich das noch Ungeborene des Menschen. So können wir, angeregt durch das Gedicht der Nelly Sachs, bemerken, dass wir das Wesen des Menschen erst verstehen, wenn wir es auswickeln aus seinen ganz unterschiedlich gearteten Verhüllungen. Dann können wir ihn begreifen in seinem gegenwärtigen Sein zwischen Tier und Engel. Wie aber mag es uns gelingen, uns den uns bindenden Kräften, die uns im Tierischen halten wollen, zu entringen und dem Engelwerden entgegenzuwachsen? Nelly Sachs sagt: indem wir wieder eingehüllt werden »in Liebesleiden«. Wir müssen das Wort »Liebesleiden« wohl noch einmal ganz neu verstehen, um ahnen zu können, wovon die Dichterin da spricht. Es dürfte ihr kaum um die Schmerzen einer romantischen Liebesbeziehung gehen, an die wir vielleicht zunächst mit diesem Begriff denken. Vielmehr findet hier eine Engführung von zwei ganz verschiedenen Dingen statt: von Liebe nämlich und von Leid. Liebe, die zugleich Leid ist, Leiden, das zugleich Liebe ist – davon spricht das Gedicht. In Leiden soll der »Buchstabenleib« eingehüllt werden, die ihrer Substanz nach Liebe sind. Und ein derartiges Eingewickelt-Werden soll ihm sogar zum Gedeihen gereichen; es ist ein mütterliches Tun, das so am Menschen vollzogen wird, um ihn seiner Geburt entgegenzuführen. Wir kennen das Leid heute fast nur von seiner unangenehmen, schmerzhaften Seite. Wir vermeiden es, oder wenn es sich nicht mehr vermeiden lässt, verstecken wir es wenigstens – in Krankenhäusern und Altenheimen. Dort aber bildet sich eine esoterische Gemeinschaft, die die Tiefen des Leids ergründet und dadurch u. U. zu ganz anderen Erfahrungen kommt. Das Zeugnis einer so Erfahrenen sollen uns hier weiterhelfen. Anne-Marie Tausch, Professorin für Psychologie, hatte eben begonnen, ein Forschungsprojekt darüber durchzuführen, ob die Teilnahme an psychologischen Gesprächsgruppen Krebskranken helfen könnte, mit ihrer Krankheit besser fertig zu werden, als sie von ihrem Arzt erfuhr, dass sie selbst an Krebs erkrankt sei.22 Sogleich stellen sich auch bei ihr die allgemein mit dem Krebs verbundenen  Ängste ein. Eine Frage aber, die sie von einer Kollegin gestellt bekommt, eröffnet ihr die Möglichkeit, ihre Krankheit ganz neu wahrzunehmen. Die Frau rät ihr, einmal nicht auf den Krebs zu schauen, sondern zu fragen, »was mir mein Krebs bedeutet, was er mir bringt«. Anne-Marie Tausch bekennt: »Als erstes fiel mir nur ein: Krankheit und Schmerzen.« Aber einige Wochen gehen ins Land, die Frage wird immer wieder bewegt, und siehe da: allmählich stellt sich eine ganze Liste von Einsichten ein, die sie der Krankheit verdankt: z. B. »Kontakt zu meinem kranken Körper.« – „Die Krankheit gibt mir Zeit, darüber nachzudenken, was wichtig und was unwichtig in meinem Leben ist.« – »Schmerzgefühle als etwas Positives akzeptieren.« – »Leichteren Zugang zu kranken Menschen« u. a. Die angeregte Fragestellung eröffnet der Erkrankten ganz neue Wahrnehmungsmöglichkeiten für die eigene Krankheit, aber auch dank der eigenen Krankheit. Ähnlich ergeht es denen, mit denen Anne-Marie Tausch das Gespräch sucht. Eine Patientin wird mit der folgenden Aussage zitiert: »Diese Krankheit ist mir geschickt worden. Ich kann das jetzt aufrichtig sagen. Sie ist ein liebevolles Zeichen Gottes. Ich wäre nie so aufgerüttelt worden. Ich hätte mir nie Gedanken über den Sinn meines Lebens gemacht und mich hinterfragt: Wie lebe ich eigentlich? Was tue ich? Ich wäre nie darauf gekommen, dass die Liebe wirklich das allerwichtigste ist in unserem Leben…« Die ihr mitgeteilten Erfahrungen anderer Kranker fasst Anne-Marie Tausch so zusammen: »Viele fühlen sich ›aufgerüttelt‹, machen sich auf einen neuen Weg – auf einen Weg, der zu ihrem inneren Lebensraum führt… Manche bleiben ihr Leben lang verbittert, sterben verbittert. Andere gehen aus jeder Krisensituation innerlich heiler hervor, wachsen, füllen ihren inneren Lebensraum und sterben trotz körperlichen Verfalls seelisch heil und gesund. Diese Menschen haben rechtzeitig gespürt, dass sie es selbst sind, die sich verbittert und unzufrieden machen, und dass sie die Chance haben, innerlich zu wachsen und zu reifen.« Denen, die das Leid nicht mehr vermeiden können, die nicht umhinkönnen, es zu erfahren, erschließt sich ein Wahrnehmungsorgan, das ihnen erlaubt, in den Leiden – Liebe zu spüren, die sich ihnen zuwendet. Nun regt das Gedicht an, noch ein letztes Motiv zu besinnen. In den abschließenden Zeilen heißt es, dass »er… handelt«, und dass dadurch ein erst »Ersehntes« schon Dasein gewinnt: »… schwebt schon Ersehntes, sehnsuchtsvoll verwandelt«. Erst hier am Schluss wird deutlich: Es ist nicht nur etwas, das geschieht, es äußert sich darin auch jemand, der handelt. An wen können wir dabei denken? Wer handelt da? Für wen ist der zukünftige Mensch der »Ersehnte«? Wessen Sehnsucht wirkt wandelnd an unserem Wesen? Gewiss fragen wir jetzt nach dem Menschenbruder Christus, nach ihm, der das zukünftige Wesen des Menschen besser kennt als jeder andere. Wer hätte solche Sehnsucht nach ihm wie der, der sogar Leid und Tod auf sich nahm, um die Zukunft des Menschen zu bewahren – und der von daher auch die Bedeutung der Leiden im Leben tiefer bewerten, ja wertschätzen kann, als ein Mensch es vermag.

So kann das kurze Gedicht der Nelly Sachs uns anregen, zu ahnen, wie nah Christus uns in unserem Leben – auch in unserem Leiden – ist. Er selbst ist derjenige, der uns fragen lässt nach unserem gegenwärtigen ewigen Wesen, nach dem, das nicht identisch ist mit den Attributen dieser bestimmten Inkarnation, und der es uns unterscheiden lehrt sowohl vom Tier als auch vom Engel. Und wenn in uns selbst die Sehnsucht nach dem zukünftigen Menschen erwacht und wir in dieser Sehnsucht unser wahres Wesen besonders nahe fühlen – dann mag es seine Sehnsucht sein, die unsere Seele berührt und hellfühlend macht für unsere eigene Zukunft. Ihr leben wir entgegen, eingehüllt in seine Liebe (die allerdings als Leiden erscheinen kann), mit der er uns umgibt »wie Mütter tun«, dass in der Umhüllung solchen »Liebesleidens« unser Lichtwesen heranwachse; »denn Leiden ist Versteck fürs Licht« – für das Licht, das uns selbst zugedacht ist wie auch für das Licht, welches von seinem Wesen in unser Leben hereinstrahlt.

1 Nelly Sachs, »Fahrt ins Staublose. Die Gedichte der Nelly Sachs«, Frankfurt am Main 1961

2 Anne-Marie Tausch, »Gespräche gegen die Angst. Krankheit – ein Weg zum Leben«, Reinbek bei Hamburg 1981

Kategorien
Corona

Geschichte für den dritten Ostersonntag

von Georg Dreißig

Wie weit genau es bis zum Himmel ist

»Nicht wahr, Großmutter, der Himmel ist ganz weit weg«, sagte Leander und legte seine kleine Stirn in ernste Falten.

»Warum meinst du das?«, fragte die Großmutter.

»Und dann ist der liebe Gott auch ganz weit weg von uns«, fuhr Leander unbeirrt von ihrer Frage fort, »denn der wohnt ja im Himmel.«

»Der wohnt im Himmel«, bestätigte ihm die Großmutter.

Das Kind überlegte eine Weile. Dann fragte es: »Du, Großmutter, wie viele Kilometer sind es bis zum Himmel?« Da schüttelte die Großmutter den Kopf und sagte: »Nein, bis dahin sind es keine Kilometer. Der Himmel ist viel näher.«

»Wie nahe denn?«

Leander wollte es gern ganz genau wissen.

»Ich will dir etwas erzählen«, lächelte die Großmutter, »dann kannst du es selbst ganz genau herausfinden.

Damals, als der liebe Gott die Blumen machte, fragte er eine jede von ihnen, was sie denn gern hätte: schöne farbige Blüten, bezaubernden Duft, einen mächtigen Stamm – es gab vielerlei, was sie sich auswählen konnten.

So kam er auch zu einem Blümlein, das war so scheu, dass es fast nicht wagte, dem lieben Gott auf seine Frage zu antworten, und außerdem war es sich nicht sicher, ob es nicht zuviel begehrte.

Endlich aber flüsterte es leise: ›Es ist mir egal, wie ich auf der Erde aussehe. Aber ich wäre so froh, wenn sich meine Blüten im Himmel öffnen dürften.‹

Beschämt schaute es zu Boden. Der liebe Gott aber nickte nur freundlich. Dann flüsterte er mit den Engeln, die ihm halfen, die Blumen anzuziehen.

Da machten sich die Engel eifrig ans Werk. Weil die Blüte des Blümleins sich im Himmel öffnen sollte, beschlossen sie, ihr das Aussehen eines Sternes zu geben. Aus dem weißen Stoff, aus dem vielleicht auch ihre eigenen Gewänder geschneidert werden, schnitten sie zahllose kleine Blütenblätter.

Doch sie vergaßen in ihrem Eifer zu verabreden, aus wie vielen Blütenblättern die Sternenblüte gebildet werden sollte. So nahm der eine Engel fünf, der andere sechs, ein dritter gar sieben Blätter dafür. In die Mitte taten sie eine winzig kleine goldene Sonne. Schließlich kamen noch der Stängel und feine grüne Blätter dazu. Dann war das Blümlein fertig und gleich noch viele Geschwister dazu.

Der liebe Gott aber segnete sie und machte, dass sie in großer Schar auf dem Waldboden wuchsen, denn von solchen Blümlein, an denen die Menschen ablesen können, wie weit genau es bis zum Himmel ist – nämlich so weit wie von der Wurzel des Blümleins bis zu seiner Blüte –, von solchen Blumen konnte es gar nicht genug geben.«

Als die Großmutter ihre Erzählung beendet hatte, nahm sie Leander bei der Hand und sagte: »So, und nun wollen wir in den Wald gehen und nach dem Blümlein schauen.«

Und welche Blume zeigte die Großmutter dem Jungen? Sie zeigte ihm die Anemone, das Buschwindröschen.

»Aber die hat ja einen ganz kurzen Stängel«, wunderte sich Leander, »kaum länger als mein Finger.«

Die Großmutter nickte ernst. »So ist es, mein Kind. So nah kommt der Himmel zu uns, bis hinunter auf unsere liebe Erde. Hättest du das wohl gedacht?«

Das Bild von Lisa zur Geschichte vom letzten Sonntag: Vom Kind, das ging, Hilfe zu holen
Kategorien
Corona

Ich bin der gute Hirte

Johannes 10, 1-16, 26. April 2020 in der Übersetzung von Tom Tritschel

Amen, amen, das sage ich euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirte der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.

Wenn er alle seine Schafe hinausgeführt hat, geht er ihnen voraus, und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber folgen sie nicht, sondern sie fliehen vor ihm, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen. Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden den Sinn nicht dessen, was er ihnen gesagt hatte.

Weiter sprach Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch:

Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.

Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu töten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und Überfülle des Lebens. Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte gibt sein Leben hin für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirte ist und dem die Schafe nicht gehören, lässt die Schafe im Stich und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht; und der Wolf reißt sie und jagt sie auseinander. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm nichts an den Schafen liegt.

Ich bin der gute Hirte; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.

Ich habe noch andere Schafe, die nicht aus diesem Stall sind; auch sie muss ich führen und sie werden auf meine Stimme hören; dann wird einst sein eine Herde – ein Hirte.

Kategorien
Aktuelles

Sonntagsgabe dritter Ostersonntag

Liebe Mitglieder und Freunde der Christengemeinschaft!

Wie Sie vielleicht schon mitbekommen haben, sind auch die Kirchen von den Lockerungen betroffen. Das heißt, die Menschenweihehandlung kann am Sonntag, den 3. Mai für die Öffentlichkeit zelebriert werden. Aber unter Einhaltung der Hygiene-Maßnahmen. Wie genau die bei uns aussehen, werde ich in den nächsten Tagen erst erfahren.

Es ist mir bewusst, dass die Lockerungen am 1. Mai, also schon am Freitag möglich sind, aber am Freitag findet ein Pfarrertreffen statt, indem wir über das weitere Vorgehen und über die Umsetzungen der Lockerungen sprechen werden.

Daher meine Bitte: haben Sie bis Sonntag Geduld!

Und stellen Sie sich darauf ein, dass auch bei uns der Mindestabstand eingehalten werden wird und was sonst noch erforderlich sein wird. Auch die Frage nach der Gemeindekommunion ist noch nicht geklärt.

Meine Freude ist jedoch ungemein groß, Ihnen diese, wenn auch durch Einschränkungen gedämpfte, aber gute Nachricht schreiben zu können!

Der Brief ist heute wieder mit aktuellen Blumenbildern aus dem Garten geschmückt. Ganz besonders das Bild mit dem roten Mohn neben der dunkelvioletten Akelei und der grünen Umgebung möchte ich Ihnen als herzlichen Ostergruß zusenden.

Auf ein baldiges Wiedersehen!
Ihre Anna Hofer

Sie erhalten mit dieser Sonntagsgabe:

Download Sonntagsgabe 26.04.2020

Kategorien
Corona

Geschichte für den zweiten Ostersonntag

von Georg Dreißig

Vom Kind, das ging, Hilfe zu holen

Eines Tages ist die Großmutter auf einmal blind geworden. Sie konnte das Sonnenlicht nicht mehr sehen und sich nicht mehr allein zurechtfinden. Da hat das Kind bei sich gedacht. »Ich will gehen und schauen, ob ich für die Großmutter irgendwo Hilfe finden kann.« Kurz entschlossen zog es Stiefel und Mäntelchen an und griff nach dem Hütchen. Es kam zur Weide. »Wo gehst du hin, Kind?«, fragte das Lämmlein. »»Die Großmutter kann das Sonnenlicht nicht mehr sehen «, erwiderte das Kind. »Ich gehe, um ihr Hilfe zu holen.« – »Dann suche auch Hilfe für mich«, bat da das Lämmlein. »Ich habe mich am Bein gestoßen, dass ich gar nicht mehr springen kann.« – »Ich will schon Hilfe für dich finden«, versicherte das Kind und ging weiter.

So kam es zum Fluss. »Wo gehst du hin, Kind?«, seufzte es ihm aus dem Wasser entgegen. »Die Großmutter kann das Sonnenlicht nicht mehr sehen, und das Lämmlein kann nicht mehr springen«, erwiderte das Kind. »Ich gehe, um ihnen Hilfe zu holen.« – »Dann suche auch Hilfe für mich«, bat da der Fluss, »denn mein Wasser ist ganz trübe geworden und mag gar nicht mehr lustig rauschen.« –

»Ich will schon Hilfe für dich finden«, versicherte das Kind und ging weiter.

Endlich kam es an einen Berg, und als es näher trat, bemerkte es im glatten Gestein ein offenes Türchen, aus dem es milde hervorleuchtete. »Hier will ich Hilfe suchen«, sprach das Kind da zu sich und trat in den Berg ein. Es musste viele Stufen hinuntersteigen, aber es war ihm nicht unheimlich, denn um es her leuchtete das milde Licht, und ein zarter Glockenklang war aus der Tiefe zu hören. Der schien das Kind zu rufen.

Auf dem Grund des Berges sah das Kind einen Jüngling in einem weißen Gewand sitzen, und

neben dem Jüngling sprudelte eine Quelle aus dem Erdengrund, die klang wie eine Glocke.

»Ich weiß, was du suchst«, sagte der Jüngling. »Du suchst Hilfe für deine Großmutter, die das Sonnenlicht nicht mehr sehen kann, und für das Lämmlein, das nicht mehr springen kann, und für den Fluss, dessen Wasser nicht mehr lustig rauschen mag. Schöpfe mit deinen Händen aus der Quelle, die wie eine Glocke tönt, und gib von dem Wasser jedem, der dich um Hilfe gebeten hat, ein Tröpflein, so werden sie Heilung finden.«

Da dankte das Kind dem Jüngling, schöpfte Wasser aus der Quelle, und dann eilte es die vielen, vielen Stufen wieder hinauf ans Tageslicht. Vorsichtig trug es das Wasser zurück.

Als das Kind zum Fluss kam, gab es ihm ein Tröpfchen aus der Quelle. Da begann das Wasser wieder lustig zu rauschen.

Als das Kind zur Weide kam, gab es dem Lämmlein ein Tröpfchen. Da konnte das Lämmlein wieder fröhlich über die Weide springen.

Als es nach Hause kam, ging es zur Großmutter hinein und träufelte in jedes ihrer Augen ein Tröpfchen von dem Wasser aus der Quelle, die wie eine Glocke klingt. Da konnte die alte Frau das Sonnenlicht wiedersehen und dankte Gott.

Das Kind aber hat sich den Weg zu dem Jüngling, der neben der Quelle auf dem Grund des Berges sitzt, gut gemerkt und bei ihm Wasser geholt, wenn immer eins in Not war und Hilfe brauchte.

***

Anregung zur Geschichte:

Malt uns doch zu dieser Geschichte ein paar schöne Bilder: von der Großmutter, dem Lämmlein und dem Fluss, oder auch der Quelle mit dem Jüngling. Ich würde mich freuen, wenn ich in der nächsten Woche damit die Sonntagsgabe schmücken könnte.

Kategorien
Corona

Im Anschauen der Wunde – kleine Besinnung

Halte still, du Wandersmann,
und sieh dir meine Wunden an.
Die Wunden steh’n.
Die Stunden geh’n.
Nimm dich in Acht und hüte dich,
was ich am Jüngsten Tage über dich
für ein Urteil sprich.

(Autor Unbekannt)

Wir haben alle Wunden – kleine, große und solche, von denen wir lange nichts wissen, weil sie uns nicht bewusst sind. Verwundet sein ist alltäglich. Es macht uns menschlich. Und weil wir alle verletzbar sind, gehört die Wunde zu unserem Menschsein schlechthin. Sie verbindet uns, wenn wir fragen „wie geht es Dir?“. Und – sie verbindet uns in unserer Sehnsucht nach Heilung.

In Zeiten von Krankheit und anderen Krisen stellen wir uns diesen Wunden und dieser Sehnsucht in einer ganz besonderen Tiefe. Fragen, die vorher kaum hörbar waren, brauchen nun Raum. Sie sind kostbar, weil sie die Lebendigkeit unserer Seele spiegeln, die sich nun auf den Weg macht. In unseren modernen Zeiten von Freiheit und Selbstverwirklichung, denen nicht selten dramatische Brüche gewohnter und geborgener Lebenszusammenhänge vorausgehen, brauchen wir Halt in uns selbst. Dieser Blick nach innen ist oft schmerzhaft, weil er auch an das erinnert, was schwer war.

Die eigene Geschichte hat uns zu dem gemacht, der wir sind und der von dem, der werden will, noch nichts weiß. Doch im Strudel des „woher?“ und „wohin?“ erkennen wir uns selbst.

Wohin haben die Jünger an diesem Abend geschaut und woher kam der Auferstandene?

Das Evangelium spricht in dem kurzen ersten Absatz von einem enormen Verwandlungsprozess. Stellen Sie sich vor, ganz so, wie Sie es heute können, wie die Jünger zusammen sind, stehend, sitzend, in einem geschlossenen Raum, in Furcht vor «den anderen» und in Trauerschmerz. Und da hinein erscheint der Auferstandene, an diesem Ort der Verzweiflung, im Inneren. Und seine Botschaft lautet als erstes: Der Friede sei mit euch. Doch nur durch das Zeigen der Wunden, vermögen sie ihn zu erkennen und ihre Trauer verwandelt sich in Freude.

Was ist das Geheimnis der Wunde an Ihm, an uns und an unserem Gegenüber? Was ist Wunde überhaupt? Und was wäre der Mensch ohne Wunde?

„Zeige deine Wunde, weil man die Krankheit offenbaren muss, die man heilen will.“ (Joseph Beuys)

Ist das so, dass die Krankheit offenbar werden muss, damit sie geheilt werden kann und wie stellen sich dann die Jünger ins Verhältnis zu Jesus, der ihnen seine Wunden offenbart? Was hat Er geoffenbart?

Er sagt zu ihnen (Joh. 15, 15): Ich nenne euch nicht mehr Knechte, denn der Knecht weiss nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich euch alles kundgetan habe, was ich von meinem Vater gehört habe.

Wie verbindet sich die Krankheit, die Wunde, das Leid, mit meinen Mitmenschen? Wo kann ich Wunden offenbaren, damit sie heilen, wenn nicht gegenüber meinen Freunden? Ich benötige meine Mitmenschen zur Heilung und trage Mitverantwortung für die Heilung meiner Mitmenschen.

Das ist der Raum, in den Christus eingetreten ist. Er offenbart seine Wunden und im Anschauen der Wunden erkennen die Jünger, nunmehr Freunde, ihre eigenen Wunden. Denn im Anschauen Seiner Wunden, erkennen wir uns selbst.

Damit haben wir immer wieder die Möglichkeit, uns selbst anzuerkennen als ein Verwundeter und dadurch eine Verbundenheit mit Christus zu wissen. Aber auch eine Verbundenheit mit allen Menschen zu teilen. Und wenn es so ist, dass wir zusammenstehen in der Strömung der Menschheit und wir als Menschen verwundet und verbunden sind, so kann die offenbarte Krankheit, also die uns als Menschen eigene, durch unser persönliches Handeln geheilt werden und damit zur Heilung der Menschheit beitragen. Und dies nur, weil wir durch die Wunde mit Christus und der Welt verbunden sind.

Wunden der Seele sind die Organe, durch die Heilung in uns einziehen kann. Mögen sie von der Hand eines unerbittlichen Schicksals geschlagen sein, mögen sie andere Menschen uns zugefügt haben, mögen schliesslich wir selbst uns die allertiefsten gerissen haben – sie sind die offenen Tore der Seele –

durch sie findet uns die Liebe, die heilt, indem sie die Wunde zum Auge wandelt und das Geschwür zum Ohr umbildet – für eine höhere Welt.

Toren sind die Menschen, die versuchen, sich ihrer Wunden zu entledigen, indem sie sie oberflächlich zuwachsen lassen. Denn in der Tiefe schwärt das Unglück nur weiter – und bei dem geringsten Anlass zerbricht der Schorf und das Unheil ist grösser als jemals zuvor.

Offene Wunden – zu Liebesorganen gewandelt – ewig trägt sie der Auferstandene an seinem Leibe, und sie sind der Quellort des ewigen Heiles für die Welt, Erde und Mensch. (Friedrich Benesch)

Kategorien
Corona

Thomas

Johannes 20, 19 – 29, 19. April 2020 in der Übersetzung von Johannes Lauten

Als es nun spät geworden war an diesem ersten Tage nach dem Sabbat und die Türen zu den Jüngern verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat in ihre Mitte und sprach zu ihnen: Der Friede sei mit euch. Und indem er so sprach, zeigte er ihnen die Hände und die Seite. Freude durchpulste die Jünger, dass sie den Herrn schauten.

Und zum zweiten Mal sprach Jesus zu ihnen: Der Friede sei mit euch. Wie der Vater mich gesandt hat, so entsende ich nun euch. Mit diesen Worten blies er ihnen seinen Atem ein und sprach zu ihnen:

Nehmet auf den Hauch des Heiligen Geistes. Wenn ihr den Menschen die Last der Verfehlungen abnehmt, so soll sie von ihnen genommen sein; werdet ihr ihnen die Kraft geben, sie selbst zu tragen, so soll ihnen diese Kraft erwachsen.

Thomas, einer von den Zwölfen, welcher der Zwilling genannt wurde, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. So sprachen die anderen Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn geschaut. Er antwortete ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen das Prägemal der Nägel sehe und lege meinen Finger auf die Nagelstelle und meine Hand in seine Seite, so will ich es nicht als Wahrheit in mich aufnehmen. Nach acht Tagen waren seine Jünger wieder im inneren Raume beieinander, und Thomas war bei ihnen. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sprach: Der Friede sei mit euch. Darauf sprach er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände. Und reiche deine Hand und lege sie in meine Seite und werde nicht ungläubig, sondern vertraue dem, was du sahest. Da antwortete Thomas und sprach zu ihm: Du bist es: mein Herr und mein Gott. Jesus sprach zu ihm: Da du mich geschaut hast, hast du Vertrauen gefasst? Wahrhaft groß sind die, die zur inneren Kraft des Vertrauens kommen, auch wenn ihr Auge nicht sieht.

Thomas von Ernst Barlach