Aus der Übersetzung von Emil Bock
Kap. 18 Gefangennahme
Nach diesen Worten verließ Jesus mit seinen Jüngern das
Haus und überquerte den tosenden Kidronbach. Auf
dem anderen Ufer war ein Garten. In diesen Garten trat er mit seinen Jüngern ein. Diesen Ort kannte auch Judas, der ihn
verriet; denn
oftmals hatte Jesus seine Jünger dort um sich versammelt.
So nahm denn Judas eine Abteilung von der römischen Kohorte und dazu einige von
den Dienern der Hohenpriester und der
Pharisäer und kam an mit Fackeln und Laternen
und mit Waffen. Jesus nahm im Geiste alles wahr, was ihm
bevorstand, und so trat er heraus und sprach zu ihnen:
Wen
suchet ihr?Sie antworteten: Jesus von Nazareth. Er sprach: Ich Bin es! Bei ihnen stand auch
Judas, der ihn verriet. Als er nun zu ihnen
sprach: Ich bin’s, fuhren sie zurück und stürzten zu Boden. Und noch einmal
fragte er sie: Wen suchet ihr? Sie antworteten wieder: Jesus von Nazareth.
Und Jesus sprach: Ich sagte es euch: Ich Bin es. Wenn
ihr mich sucht, so laßt diese ihrer Wege
gehen. Es sollte sich das Wort erfüllen, das er gesprochen hatte: Von denen,
die du mir gegeben hast, lasse ich nicht
einen einzigen verlorengehen.
Simon Petrus besaß ein
Schwert. Das zückte er und schlug damit
auf den Diener des Hohenpriesters ein und hieb ihm das rechte Ohr ab. Der Name dieses Dieners war Malchus.
Da sprach Jesus zu Petrus: Stecke dein Schwert in die
Scheide! Soll ich den
Kelch nicht trinken, den mir der Vater gegeben hat? Da ergriffen sie
Jesus, die
Soldaten und der Befehlshaber und die Diener
der Juden, und fesselten ihn und führten ihn zuerst
zu Hannas. Dieser war der Schwiegervater des Kajaphas, der in diesem Jahre das Amt des Hohenpriesters innehatte.
Kajaphas war es gewesen, der den Juden den
Rat gegeben hatte, es sei gut, wenn ein Mensch für das Volk stürbe.
Verleugnung des Petrus und Anklage vor dem Hohenpriester
Es folgten Jesus nach Simon
Petrus und ein anderer Jünger. Dieser
Jünger war ein Bekannter des Hohenpriesters und ging
mit Jesus hinein in die Halle des hohenpriesterlichen
Hauses. Petrus stand draußen vor dem Tor. Da ging der andere
Jünger, der Bekannte des Hohenpriesters, und sprach
mit der Türhüterin und führte Petrus hinein. Da
sprach die Magd, die das Tor hütete, zu
Petrus: Gehörst du nicht auch zu den Jüngern
dieses Menschen? Er antwortete: Ich bin es nicht.
Dort standen die Knechte und Diener umher und hatten, um sich zu wärmen, ein
Kohlenfeuer gemacht, denn es war kalt. Zu
ihnen stellte sich Petrus und wärmte sich.
Unterdes fragte der
Hohepriester Jesus nach seinen Jüngern und nach seiner Lehre. Jesus antwortete
ihm: Ich
habe öffentlich vor aller Welt gesprochen.
Allezeit habe ich in der Synagoge und
im
Tempel gelehrt, wo
alle Juden zusammenkommen.
Ich habe nichts im Geheimen verkündigt. Warum fragst
du mich? Frage doch die, die gehört haben, was ich zu ihnen sprach. Siehe, sie wissen, was ich, ganz aus mir
heraus, verkündigt habe. Als er das sagte, gab einer der dabeistehen den Diener Jesus
einen Backenstreich und sprach: Wagst du es,
dem Hohenpriester so zu antworten? Jesus sprach zu ihm: Habe
ich unrecht geredet, so beweise, daß
es unrecht war. Habe
ich aber richtig geredet, warum schlägst du mich denn? Da schickte ihn Hannas gefesselt vor den Hohenpriester
Kajaphas.
Simon Petrus stand noch da und
wärmte sich. Und sie sprachen zu
ihm: Gehörst du nicht auch zu seinen Jüngern? Er
verneinte es und sprach: Ich bin’s nicht. Da sprach einer von den Knechten des Hohenpriesters, ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgeschlagen hatte: Habe ich dich nicht im Garten bei
ihm gesehen? Wieder verneinte Petrus,
und in diesem Augenblicke krähte der Hahn.
Verhandlung
vor Pilatus
Von Kajaphas führten sie Jesus
in das römische Gerichtshaus. Es war in der ersten Morgenfrühe. Sie gingen
selbst nicht mit hinein in
das Gerichtshaus, um sich nicht zu verunreinigen, sondern das Passah essen zu
können. So trat Pilatus zu ihnen heraus und sprach: Welche Anklage bringt ihr gegen diesen Menschen vor? Sie antworteten: Wäre
er nicht ein Übeltäter, so hätten wir ihn nicht zu dir gebracht. Da sprach
Pilatus zu ihnen: Nehmet ihn selbst und haltet über ihn Gericht nach eurem Gesetz. Die Juden aber sprachen: Wir haben keine Vollmacht, einen Menschen zu töten. Es sollte sich das Wort Jesu erfüllen, als er auf die
Art des Todes deutete, der ihm bevorstand. Da ging Pilatus wieder in das Innere
des Gerichtshauses, rief Jesus herbei und sprach zu ihm: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du das
aus dir selber, oder haben dir das andere über mich gesagt? Pilatus
sprach: Bin ich denn selbst ein Jude?
Dein eigenes
Volk und die Hohenpriester haben dich mir übergeben. Was hast du getan? Jesus antwortete:
Mein Reich ist nicht
von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, so hätten meine Diener für mich gekämpft und hätten mich
nicht in die Hände der Juden fallen lassen. Aber
mein Reich ist nicht von hier. Da fragte Pilatus: Bist
du denn
ein König? Jesus
erwiderte: Du mußt
es sagen, ob ich ein König bin. Ich bin in
die irdische Welt zur Geburt herabgestiegen, um für die Wahrheit zu zeugen. Jeder, der aus der Welt Wahrheit stammt, hört meine Stimme. Da sprach Pilatus zu ihm: Was Ist Wahrheit? Und als er das gesagt hatte, trat er wieder
heraus zu den Juden und sprach zu ihnen: Ich
finde keine Schuld an ihm. Nun herrscht
aber doch bei euch der Brauch, daß ich euch zum Passahfest einen Gefangenen
freigebe. Wenn ihr wollt, so gebe ich euch
den König der Juden frei. Aber sie schrien
zurück: Nicht diesen, sondern Barabbas!
Barabbas aber war ein Mörder.
Kap. 19 Dornenkrönung
Da nahm Pilatus Jesus und ließ
ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie
ihm auf das Haupt und legten ihm einen Purpurmantel um, schritten
auf ihn zu und sprachen: Heil dir, König der Juden! Und sie schlugen
ihm ins Gesicht. Und von neuem trat Pilatus hervor und sprach zu ihnen: Seht,
so führe ich ihn zu euch heraus,
damit ihr erkennt, daß ich keine Schuld an ihm finde. Und Jesus kam heraus,
die Dornenkrone und den Purpurmantel tragend.
Und er sprach zu ihnen: Siehe, das ist der Mensch. Als
ihn die Hohenpriester und die Tempeldiener
sahen, schrien
sie laut: Kreuzige, kreuzige ihn! Da sprach Pilatus zu ihnen: Nehmet ihr ihn selbst und kreuzigt ihn, denn ich
finde keine Schuld an ihm. Da antworteten
die Juden: Wir haben ein Gesetz, und nach
dem Gesetze muß er sterben, denn er hat sich
zu einem Gottessohn gemacht.
Verurteilung
Als Pilatus dieses Wort
vernahm, erschrak er noch mehr und
ging wieder hinein
in das Gerichtshaus und sprach zu Jesus:
Woher hast du
deinen Auftrag? Aber Jesus gab ihm
keine Antwort. Da sprach Pilatus zu ihm: Willst du zu mir nicht sprechen?
Weißt du nicht, daß ich Vollmacht habe, dich zu
befreien, und auch, dich ans Kreuz zu schlagen? Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wäre sie
dir nicht von einem
Höheren gegeben. Darum fällt die schwerere Schicksalslast
auf den, der mich dir überantwortet hat.
Daraufhin versuchte Pilatus ihn freizulassen. Die Juden aber schrien: Wenn du
ihn freiläßt, so bist du des Cäsars Freund nicht mehr. Denn jeder, der sich selbst
zum Könige macht, widerstreitet dem Cäsar. Als er diese Worte gehört hatte, führte Pilatus Jesus heraus und setzte sich auf den
Richterstuhl an der Stätte, die man das Steinpflaster nannte, auf hebräisch Gabbatha. Es war am Rüsttage des Passahfestes um
die Mittagsstunde. Und er sprach zu den Juden: Seht, das ist euer König. Jene aber schrien: Weg
mit ihm, weg mit ihm, kreuzige ihn!
Pilatus fragte: Soll ich euren König
kreuzigen? Und die Hohenpriester
antworteten: Wir haben keinen König außer dem
Cäsar. Da gab er ihnen Jesus preis zur
Kreuzigung.
Kreuzigung
Und sie griffen Jesus, und er
trug das Kreuz hinaus zur Schädel-Stätte,
auf hebräisch Golgotha. Dort kreuzigten sie ihn
und mit ihm zwei andere, den einen auf der einen, den andern auf der andern Seite, Jesus aber in der Mitte.
Pilatus hatte eine Aufschrift geschrieben
und heftete sie an das Kreuz. Darauf stand:
JESUS VON NAZARETH, DER KÖNIG DER JUDEN. Diese
Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, lag
nahe bei der Stadt. Die Aufschrift war in hebräischer, lateinischer und
griechischer Sprache geschrieben. Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu
Pilatus: Schreibe
nicht »der König der Juden«, sondern
»jener sprach: Ich bin der König der Juden«. Pilatus aber antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich
geschrieben.
Als nun die Soldaten Jesus an
das Kreuz geschlagen hatten, nahmen sie
seine Gewänder und teilten sie in vier Teile und
gaben jedem Soldaten einen Teil. Dann nahmen sie auch den Mantel. Dieser
Mantel war ungenäht, von oben
bis unten aus einem Stück gewebt. Da
sprachen sie zueinander: Laßt uns den
nicht zerteilen, sondern das Los werfen, wem er gehören soll. Es sollte sich das Wort der Schrift erfüllen: »Sie
haben meine Kleider unter sich geteilt, und um
meinen Mantel haben sie das Los geworfen.« Die Soldaten nun taten dies.
Es standen bei dem Kreuze Jesu
seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, die Maria des Kleophas, und Maria
von Magdala. Als nun Jesus seine Mutter dastehen
sah und den Jünger, den er liebhatte, sprach er zu der Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn. Und dann sprach er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter.
Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu
sich.
Der Tod
Danach nahm Jesus im Geiste
wahr: Alles ist
der Weihe-Tat-Vollendung nahe, und damit das Wort der
Schrift an sein Ziel komme, sprach er: Mich
dürstet. Es stand dort ein Gefäß mit
Essig. Und sie tränkten einen Schwamm mit Essig, legten ihn um einen Ysopzweig
und hielten ihn ihm an den Mund. Und als
Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es
ist Vollbracht. Dann neigte er sein
Haupt und hauchte seinen Atem aus.
Da es der Rüsttag war, wollten
die Juden nicht, daß die Leiber
den Sabbat über am Kreuze blieben, denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag. So
baten sie Pilatus, man solle ihnen die Beine
brechen und sie vom Kreuze nehmen. So kamen
denn die Soldaten und brachen zuerst dem einen, dann
dem andern Mitgekreuzigten die Beine. Als sie zu Jesus kamen und sahen, daß er schon gestorben war, brachen sie
ihm die Beine nicht. Einer aber von den Soldaten
stieß mit der Lanze in seine Seite, und
sogleich floß Blut und Wasser heraus. Das
hat der, der es sah, selber bezeugt, und sein Zeugnis
ist wahr. Und er weiß, daß er die Wahrheit spricht, damit auch ihr den Weg des Glaubens findet. Das alles
geschah, damit sich das Wort erfüllte: »Man wird
ihm die Gebeine nicht zerbrechen«, und auch die andere Stelle der Schrift: »Schauen werden sie den, den sie durchstochen
haben.«
Grablegung
Danach kam Joseph von Arimathia zu Pilatus und bat ihn, den Leib Jesu vom Kreuze nehmen zu dürfen. Er war ein Jünger Jesu, blieb jedoch als solcher im Verborgenen aus Furcht vor den Juden. Pilatus gab ihm die Erlaubnis. So kam er denn und nahm seinen Leib herab. Auch Nikodemus kam, der zuerst im Nachtbereich zu Jesus gekommen war, und brachte an die hundert Pfund von einer Mischung aus Myrrhe und Aloe. Und sie nahmen den Leib Jesu und banden ihn in Bänder ein, die mit Balsamgewürzen getränkt waren, wie man es bei den Juden zur Grablegung zu tun pflegte. An der Stätte der Kreuzigung war ein Garten, und in dem Garten war ein neues Grab, in das noch nie ein Mensch gelegt worden war. Dahinein legten sie Jesus aus Rücksicht auf den Rüsttag der Juden, denn das Grab war nahe.
** Hier kann sich das Vater Unser, laut oder leise gesprochen, anfügen.**