von Georg Dreißig

Die singende Quelle

In einem fernen Land lebte eine Königstochter, die war reich und mächtig und schön von Gestalt. Doch ihre Augensterne waren stumpf und ohne Glanz. Die schöne Königstochter war blind. Viele Ärzte hatten ihre Eltern kommen lassen, und die hatten ihre Kunst an dem Mädchen probiert, doch all ihre Bemühungen waren ohne Erfolg geblieben. Da kam ein junger Kaufmann zurück, der in fremden Ländern gereist war, und begehrte, ohne Säumen zum König geführt zu werden, und als er sagte, er habe Hoffnung, wie die Königstochter von ihrer Blindheit geheilt werden könnte, ließen die Wachen ihn eintreten.

Er erzählte, im Land Judäa ziehe ein Meister umher, der alle Krankheiten zu heilen verstehe. Da bat die blinde Königstochter, sie zu diesem Heiland zu führen. Schon am nächsten Tag brachen die beiden auf. Die Fahrt war weit, mussten sie doch das Meer überqueren. Doch die Winde standen günstig und trieben das Schiff munter voran. Als sie im Lande Judäa angelangt waren, erkundigten sie, wo der Heiland gefunden werden könnte. Die Leute erwiderten: »Sucht ihn in Jerusalem. Doch müsst ihr eilen. Sonst findet ihr ihn nicht mehr.«

Sie wollten sich gleich auf den Weg machen. Doch ein hoher Festtag, der in jenem Land begangen wurde, verbot, dass sie weiterreisten, und so mussten sie warten.

Doch noch ehe die Sonne aufgegangen war, erwachten sie und brachen zu der nahegelegenen Stadt auf. Auf ihrem Weg begegneten sie einem Mann, den sie nach dem Heiland fragten. Er führte sie zu einem Hügel, auf dessen Spitze der junge Kaufmann drei Kreuz erkennen konnte. Der Mann rief wehklagend: »Dort ist der Heiland, den ihr sucht, vor drei Tagen gestorben.« Und weinend lief er davon.

Die blinde Königstochter aber sagte nur: »Nein, der, den wir suchen, ist nicht tot. Er lebt und wird mich heilen.«

Eben ging die Sonne auf. Als ihre Strahlen die Erde berührten, begann es auf einmal ganz in der Nähe zu klingen wie von jubelndem Freudengesang.

Da flüsterte die Königstochter leise: »Lass uns diesem Ruf folgen!«

Aus einem Garten, der am Fuß des Kreuzhügels lag, tönte das Klingen. Als sie dort eintraten, erschrak der Kaufmann, denn es gähnte darin ein offenes Grab. Unter dem großen Stein, der den Eingang des Grabes verschlossen hatte, sprudelte glitzernd eine Quelle hervor. Von der kam der jubelnde Freudengesang, der sie hierhergeführt hatte. Zum Wasser jener Quelle beugte die Blinde sich hinab und wusch sich damit die Augen.

Und als sie sich wieder aufrichtete, waren ihre Augensterne nicht mehr stumpf, sondern leuchteten hell, und die Königstochter konnte sehen. Froh wies sie auf das offene Grab und sagte: »Dort hat er geruht, und dort hat er den Tod besiegt. Noch sind die, die ihn kannten, blind dafür. Bald aber werden auch sie ihn schauen.«

Von ihrer Blindheit geheilt, reiste die Königstochter heim in ihr Land. Dort verbreitete sie die Kunde von dem Heiland, der gestorben war und im Grab die ganze Welt vom Tod erlöst hatte, und sie erzählte allen Menschen von dem singenden Quell, in dem der Heiland sein Leben aller Welt zuströmen lässt.

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Anregung zur Geschichte:

Das kleine Gänseblümchen, was wir zur Zeit auf allen Wiesen entdecken können, vermag ein bisschen wie die Augensterne der Königstochter aus dem grünen Gras hervorleuchten. Außerdem ist es gut für wunde oder trockene Haut.

So kann man ein Gänseblümchen-Öl herstellen:

1 Hand voll Gänseblümchen pflücken, waschen und sehr gut trocken tupfen. Dann gibt man sie in ein sauberes Marmeladenglas und übergießt sie mit 250 ml Öl (am besten Olivenöl). Danach sollte das Öl bis zu 4 Wochen ziehen und ab und zu durchgeschüttelt werden. Nach der Wartezeit, siebt man das Öl gründlich ab und füllt es in eine saubere Flasche.

Das Gänseblümchen-Öl ist nun fertig und kann auch am Salat dem einen oder anderen sehr gut schmecken.