von Georg Dreißig

Auferstehung – das ist zunächst ein Schlagwort, gewiss. Wir wollen es heute probeweise einmal ein »Herzschlag-Wort« nennen und entsprechend versuchen, es mit dem Herzen zu verstehen. Was sagt uns denn das schlagende Herz? Es sagt: Was mir aus der Welt zuströmt, das nehme ich in mich auf, das »nehme ich mir zu Herzen«, das verschließe ich in mir, das mache ich mir zu eigen. Und dann: Was ich mir zu eigen gemacht habe, was mein eigen geworden ist, meine Herzensangelegenheit, was ich mit meinem Eigenwesen nicht nur für eine Zeit verbunden, sondern damit auch angereichert habe, mit meinem Leben erfüllt habe, das gebe ich wieder von mir, das verströme ich. Das trägt auch noch viel Totes in sich, aber darüber hinaus – wer weiß, ob nur im übertragenen Sinn – meine Innerlichkeit, meine Herzlichkeit, Tod und Leben, wie sie meine Seele durchziehen, in meinem Wesen vorhanden sind. Auferstehung – ein Herzschlag-Wort:

Ein Herz beginnt ganz neu für die Bedingungen von Menschheit und Erde zu schlagen, Leben zu verströmen, als Christus ins Grab gelegt wird. Weltengroß war das Christuswesen noch, als es, den Erdenmenschen noch weit überstrahlend, in der Taufe begann, sich mit dem Menschen Jesus von Nazareth zu verbinden. Vielerlei Wunderbares wird uns berichtet aus dem, was in jener Aura, die den Jesus umhüllte, erfahren werden konnte an Wundern, an Heilungen, angefangen mit dem Sonnenwunder-Wirken bei der Hochzeit zu Kana, als sich Wasser in Wein verwandelte. Wer ihm nahte, der trat in eine Lebensatmosphäre ein, die weit über Jesu Gestalt hinausragte und nicht von den rein irdischen, sondern von Gesetzen einer Sonnenwirksamkeit erfüllt war, von Gesetzen, die Kraft hatten, das Irdisch-Beschränkte zu verwandeln oder gar aufzuheben Aber sein Herz trank; das Herz des Jesus von Nazareth trank in drei Erdenjahren das kosmisch große Christuswesen ganz in sich hinein und teilte es seinem Menschenleibeswesen mit. Das göttliche Christuswesen wurde zum Menschen Jesus, der sich den Erdengesetzen unterordnete. Nicht um Sonnenwirksamkeit auf Erden geht es da, sondern um Erfüllung, Erfüllung der Prophetenworte, Erfüllung des Heilsplanes, Erfüllung des Menschenherzen. Das Menschenherz nimmt das göttliche Wesen in sich hinein, ganz in sich hinein, macht es sich zu eigen. Mensch ist der, den sie am Karfreitag nehmen, verurteilen und ans Kreuz schlagen, aber ein Mensch, dessen Herz erfüllt ist von dem göttlichen Wesen, und das findet in dem herzlichen Tun des Jesus von Nazareth seinen Ausdruck. Es äußert sich aber in ganz irdisch-menschlichen Dimensionen. Ein kleines Stück Brot, ein winziger Schluck Wein waren am Abend zuvor zum Zeichen für die Anwesenheit seines Wesens geworden – Nahrung gerade in dem Maß, in der ein jeder sie im Augenblick wirklich in sich aufnehmen, sie sich wirklich zu eigen machen kann –; die Kraft, aus der er hier handelt, ist keine götttlich-exklusive Zaubermacht mehr, sondern schlicht – die Liebe, derer er auch uns alle für fähig erachtet. Menschliches Tun und göttliches Wesen durchdringen einander; das Göttliche erfüllt das Menschliche. Und noch weiter beschränkt sich die Ausstrahlung des Mensch gewordenen Gottes, noch weiter verzichtet er auf alle Eigenheit, auf alles aus höherer Fähigkeit Selbstbewirkende. Am Kreuz werden ihm die Arme ausgebreitet, um ihn so an das Holz zu nageln – sinnlicher Ausdruck für seine ganze Hilflosigkeit. Und er gibt sich darein. Er lässt es geschehen. Er lässt sich diese Gebärde von außen diktieren. Zugleich aber verwandelt sich das Erfahrene, das Aufgenommene, das ihm Aufgezwungene im Herzen des Jesus von Nazareth; die ihm aufgenötigte Gebärde erfüllt er mit eigener Bedeutung, indem er sie zum Ausdruck seiner Liebe macht. Das hat Christian Morgenstern erkannt, als er dichtete:

»Ich habe den Menschen geseh’n in seiner tiefsten Gestalt, ich kenne die Welt bis auf den Grundgehalt.

Ich weiß, dass Liebe, Liebe ihr tiefster Sinn, und dass ich da, um immer mehr zu lieben, bin.

Ich breite die Arme aus, wie er getan. Ich möchte die ganze Welt, wie er, umfahn.«

Der Gott ist Mensch geworden; er trägt und erträgt, was ihm angetan wird – und indem er es zur eigenen Herzensangelegenheit macht, erfüllt und verwandelt er es zugleich mit seinem eigenen Wesen. Er entsündigt, entgiftet es, löscht das Ertötende, das darin wirkt, und begabt es mit neuem Lebenselement. Dann öffnet sich das göttliche Herz – das Grab springt auf –, und alles strömt hervor, was das göttliche Herz aufgenommen hat – all das Leid, all der Schmerz, all die Schlechtigkeit der Menschen, all ihre Not und ihre Krankheit, ihre Angst und ihre Sorge, all ihr Ringen und Verzweifeln dem Tod gegenüber, dem An-ein-Ende-Kommen. Und siehe da, sein Wesen, das sich damit verbunden, das all das durchdrungen hat, es lebt darin und kann darin erlebt und zum Quellort für neues Leben werden. Der Ort, wo wir dem Auferstandenen begegnen, ist kein anderer Ort als der, auf den wir während der Karwoche hingeschaut haben, dort, wo wir an unserem Menschsein leiden, Schmerzen empfinden, mit unserer Schlechtigkeit ringen, Not und Krankheit, Angst und Sorge erfahren und angesichts des Todes verzweifeln. Dort begegnet ihm unser Herz, denn er hat, als er ein Menschenherz erfüllte, all dieses in sich aufgenommen, sich damit identifiziert. Er erfüllt es fortan mit seinem Wesen. Das haben zahllose Menschen bis in unser Jahrhundert hinein erfahren und bezeugt, angefangen bei den Emmaus-Jüngern, denen das Herz brannte, Franziskus so klar wie Viktor Frankl oder Jacques Lusseyran, Simone Weil oder wie sie alle heißen mögen. Dafür sind auch wir als Zeugen bestellt. Wir können es erfahren, wenn wir wach genug sind, im Leid, in der Angst, im Sterben auf seinen Herzschlag zu lauschen. Eines nur tut dazu Not: das eigene Herz nicht zu verhärten, nicht sklerotisch werden zu lassen. »Er tadelte sie und ihres Herzens Härtigkeit, das kalt geblieben war bei den Worten derer, die ihn geschaut hatten auferstanden«, heißt es bei Markus. Auferstehung – ein Herzschlag-Wort. Unser Herz kann uns lehren, ihm gerecht zu werden: aufnehmend, was uns aus der Welt zuströmt – auch die Not, auch die Angst, auch das Sterben –, uns leidend und mitleidend zu eigen zu machen, um es dann um unsere eigene Herzenskraft bereichert hinzugeben an die Welt – alles, was uns geschieht, was wir in uns hineingenommen haben, zum Ausdruck unserer Liebe verwandelnd. So kann auch die Einsicht, ja die Erkenntnis wachsen, dass unsere Herzenskraft , unsere Liebe uns befähigt, letztlich die ganze Welt zum Guten hin zu verwandeln. Für die Menschen und für die Erde und für das Gute darin beginnt das Herz des Auferstandenen im Ostergrab neu zu schlagen, dafür kann unser Herz in jeder Sterbestunde neu zu schlagen beginnen, teilhabend in seinem Leben und in seiner Kraft am Leben und an der Kraft des Auferstandenen.

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