von Georg Dreißig

Es gibt Ereignisse in der Geschichte der Menschheit, auf die wir zurückblicken können und von denen wir doch zugleich den Eindruck haben, dass sie nicht vergangen sind. Das, was geschehen ist, hat sich noch nicht ganz erfüllt, etwas wartet noch darauf, sich zu erfüllen. – So geht es uns auch im Hinblick auf die Karwochen Ereignisse, denen wir uns jedes Jahr aufs Neue zuwenden mit dem Gefühl, dass dieses immer wieder neu in Beziehung treten zu dem, was damals geschehen ist, etwas bewirkt, das so bisher noch nicht bewirkt werden konnte, dass das, was damals geschehen ist, in unserem heutigen Bewusstsein neu geschehen muss und dadurch unser heutiges Bewusstsein verändern, bereichern kann. Die Passion Christi ist nicht etwas, das der Vergangenheit allein angehört, sondern das gegenwärtig wirken will. Dies gilt natürlich nicht für die äußeren Vorgänge, die damals beobachtet werden konnten und an die wir uns heute erinnern können. Was uns selbst betrifft, muss auf einer anderen Ebene gesucht werden als derjenigen, die den Sinnen offenliegt und von der allein Zeitgenossen berichten können. Wo geschieht in der Passion Christi etwas, das uns so betrifft wie die damals beteiligten Menschen? Wo geschieht in der Passion Christi etwas, das uns bis heute zu Beteiligten daran macht?

Wir wollen zum Ausgangspunkt unserer Betrachtung einen Begriff nehmen, unter den Emil Bock in seinem Buch »Die drei Jahre« die Ereignisse der Karwoche stellt, den Begriff der »Stillen Woche«. Von den Ereignissen selbst lässt sich diese Bezeichnung ja nicht ohne weiteres ableiten. Äußerlich war die Karwoche im Christusleben durchaus nicht stiller als andere Zeiten; im Gegenteil. Man kann wohl sagen: Das Ganze des Christuslebens hat sich in der Stille, in einem unbeobachteten Winkel der Weltgeschichte abgespielt, hat keinen Lärm erzeugt, keine Aufregung hervorgerufen. Still ist es geschehen, still ist es vorübergegangen. Die Historiker der damaligen Zeit haben es nicht als etwas Besonderes zur Kenntnis genommen. So unscheinbar, so still ist es verlaufen, dass man heute sogar daran zweifeln kann, ob es denn wirklich geschehen ist. So betrachtet könnte die Stille zwar als Charakteristikum für das Ganze des Christuslebens gelten. Es wäre aber nicht einzusehen, warum eine einzelne Woche – und gerade die, in welcher Christus so sehr vor die Öffentlichkeit tritt wie sonst eben nicht – als »still« gegenüber den anderen besonders bezeichnet werden sollte. Ist es nicht ein äußeres Charakteristikum dieser Woche, dass sie still gewesen wäre, so sind wir genötigt, den Bereich der Stille anderswo zu suchen als unmittelbar in den von den Evangelisten geschilderten Ereignissen, wie sie äußerlich vor unsere Sinne hintreten. Wir müssen aber noch ein weiteres leisten: nämlich aufmerksam werden für den Charakter, für die Dynamik der Stille, in die wir an den verschiedenen Tagen geführt werden. Es ist ja eine ganz andere Art von Stille, die am Abend des Palmsonntages eintritt, weil der Jubel plötzlich wieder verhallt ist, als jene, die sich auf den Jüngerkreis niedersenkt, als am Gründonnerstag zum ersten Mal in das schweigende Lauschen die Einsetzungsworte gesprochen werden und das Abendmahl ausgeteilt wird. Und wiederum eine ganz andere Art der Stille beherrscht den Karsamstag, umgibt die Totenruhe des Christus. Wonach wir damit fragen, ist ein Sinn für die jeweilige Dynamik der Stille, mit der wir es an den verschiedenen Tagen zu tun haben. Diesen Sinn können wir durchaus entwickeln und haben es mindestens anfänglich bereits getan. Machen wir uns diese Tatsache an ein paar Beispielen deutlich.

  1. Wir kennen die Stille vor Sonnenaufgang. Welche innere Dynamik erfüllt sie? Nun, es ist eine erwartungsvolle, andächtige, innerlich aber auch jubelbereite Stille, die sich erfüllt, wenn die Sonne aufgeht, um dann in Jubel zu antworten.
  2. Wir kennen daneben aber auch die Stille der Nacht, die waltet unter dem gestirnten Himmel. Auch sie ist äußerlich ein Schweigen wie dasjenige in Erwartung des Sonnenaufgangs. Aber innerlich ist diese Stille von einer ganz anderen Art. Nicht ein noch verhaltener Jubel lebt in ihr, sondern die Bereitschaft, einzutauchen in das Schweigen der Nacht mit Andacht und Bewunderung, in ihm zu verharren, die Seele zu weiten. Jubel-erfüllte Stille, andächtige Stille – Stille Erfahrungen, die eine ganz unterschiedliche innere Dynamik haben, die einander verwandt und deutlich voneinander unterschieden sind.
  3. Wiederum eine ganz andere Art der Stille erleben wir, wenn wir an die Bahre eines Verstorbenen treten: Was bisher gesprochen hat, ist verstummt, lebt fort nur in der Erinnerung. Die Stille selbst wird zum Raum und zum Träger dieser Erinnerung.
  4. Wieder eine ganz andere Art der Stille ist etwa diejenige, die auf eine aufgeworfene Frage folgen mag, die erwartungsvolle, fragende Stille, ehe die Antwort ertönt. Stille, welche Antwort tragen kann und möglich macht.
  5. Aber wir kennen auch die Stille, die sich lastend auf uns legen kann, wenn eine Gefahr droht, das ängstliche Schweigen vor dem Unbekannten. Stille, in der die Angst wohnt, Beklemmung. Für Kinder ist dies etwa die knisternde Stille vor dem Ausbruch eines Gewitters. Die Älteren tragen ganz andere Erinnerungen der lastenden Stille, bevor sich das Unglück entlädt, in der Erinnerung.
  6. Wiederum eine andere Art der Stille ist jene, die gewahrt wird, um ein Erhabenes nicht zu entheiligen, das Schweigen vor der Größe eines Geschehens. Die Stille ist der Raum, in dem es sich offenbaren kann. Denken wir an die Stille der Menschenweihehandlung.
  7. Und schließlich kann die Stille auch der Zustand sein, ehe etwas geschieht, das Ungesagte, Ungetane, das Offenbarwerden der reinen Möglichkeit. Die Ruhe etwa, ehe ein Konzert beginnt, ehe sich der Vorhang zu einem Schauspiel hebt, die Ruhe, ehe das Glöckchen den Beginn der Menschenweihehandlung verkündet. Auch dies, und vielleicht vor allem dies, ist Stille: die spürbare Anwesenheit dessen, was erst noch werden will.

Was im Stillen geschah in jener Woche, in der Christus in Jerusalem auf den Tod zuging und durch den Tod hindurchschritt, wollen wir in seinen Qualitäten aufsuchen, und in dieser möglichst differenzierten Wahrnehmung der Stille soll sein Wesen, sein Wirken uns nahekommen als solchen, die seine Passion nicht nur erinnern, sondern von ihr genauso betroffen sind wie die Menschen, die Zeugen der äußeren Ereignisse wurden.

Nach dieser längeren Einstimmung auf die Art, wie wir unsere Aufmerksamkeit in dieser Karwoche einmal lenken wollen, soll nun noch ein erster Blick in dieser Weise auf den Palmsonntag versucht sein. * Wie der Sonnenaufgang Jubel weckt bei denen, die wach sind, ihn zu bemerken, so erweckte der Einzug des Christus in Jerusalem Jubel, als seien die Menschen erst jetzt, nachdem er schon drei Jahre auf Erden weilte, für die Anwesenheit seines Wesens erwacht. Er, dem sonst in Judäa immer wieder Misstrauen, Widerwillen, Hass entgegenschlug, er wird in der Tempelstadt selbst jubelnd empfangen, als erfüllten sich mit seinem Kommen heimliche Wünsche, heimliche Hoffnungen der Menschen.

Christus begegnet diesem Jubel mit Schweigen. Er zieht durch das jubelnde Volk, als beträfe ihn der Lärm der Freude, der ihm entgegenbrandet, nicht. Und doch ist er es ja, der Jerusalem aufsucht, der die Menschen aufsucht, der ihnen das sprechende Bild seines eigenen Wesens – des auf dem Esel Reitenden – vor die Sinne stellt. Er selbst bewirkt, was geschieht – und geht zugleich durch das Geschehen, als ob es ihn nicht beträfe. Ein Rätsel. Ein Rätsel, das sich immer stellt, wenn die Sonne aufgeht, wenn die Sonne Einzug hält in die Welt der Erscheinungen, in unsere Sinneswelt. Immer ist da, wenn sie nicht hinter Wolken verborgen ist, der äußere Glanz ihres Wesens, der alles verklärt, der sich allem mitteilt und es aufglänzen lässt – und der sich auch schnell wieder verliert, dahin ist, sobald die Sonne selbst sinken muss. Aber zusammen mit dem äußeren Erscheinen, dem äußeren Erglänzen der Sonne geht eine andere, verborgenere Wirkung einher: dass die Sonne durchaus nicht nur das Äußere der Welt, das äußere ihrer Wesen beleuchtet, beglänzt, sondern dass sich ihre Wirkung in viel tiefere Schichten, in viel innerlichere Bereiche erstreckt. Das Licht der Sonne schenkt sich den Dingen und den Wesen der Welt von außen. Nicht von außen schenkt sich ihnen etwas mit dem Licht Verwandtes und doch von ihm zu Unterscheidendes: das Leben der Sonne. Das Leben beginnt sich im Innern zu regen, im Unwahrnehmbaren, in der Stille. Es beschenkt die Wesen der Welt mit Werdekraft, mit der Kraft, sie selbst zu werden, und zwar ein jedes ganz individuell, wie es ihm entspricht. Im Frühling können wir dies ja ganz wunderbar beobachten. Überall zeigt sich die Kraft des Werdens in der Natur. Die Sonne, die äußerlich auf und untergeht wie in allen übrigen Jahreszeiten, ist auf eine stille Weise heimisch geworden auf der Erde: im Wachstum und in der Entfaltung der Pflanzenwelt. Das Licht schwindet jeden Abend, die Wärme wirkt fort auch durch die Nacht. Den Sinnen verborgen ist die Sonne eingezogen in die Erdenwelt und wirkt auch im Dunkeln, in der Finsternis, im Innern der Wesen fort, führt sie selbst zur Erscheinung. Christus, indem er in Jerusalem einzieht am Palmsonntag, wird von den Menschen bejubelt, als ginge die Sonne für sie auf, als erfüllten sich mit seinem Einzug heimliche Wünsche und Hoffnungen. Aber der Jubel verhallt, indem er wieder fortzieht, wie der Glanz der Sonne verschwindet, wenn sie untergeht. Ernüchterung breitet sich aus. Manch einer mag sich gefragt haben: Was ist eigentlich geschehen? Diese Frage hat ihre Berechtigung nicht nur im Hinblick auf das, was vorübergegangen ist, sondern eben auch auf das, was im Stillen das äußere Geschehen begleitet hat. Dieser Bereich dessen, was in der Stille geschieht, wird uns zugänglich, indem wir das Bild aufgreifen, das Emil Bock in Zusammenhang bringt mit den Palmsonntagsereignissen: den Einzug der Sonne. Indem wir das Wirken Christi am Palmsonntag als ein Sonnenwirken begreifen, können wir fragen: Ist das geschehen, dass sein Glanz nicht nur äußerlich geschaut wurde? Hat sich die Sonne als Wärme, als Lebenswärme, die den Wesen die Kraft zur eigenen Entfaltung schenken und selbst in dieser Entfaltung als gegenwärtig offenbar werden will, hat sie sich als solche Innenwärme den Menschen mitteilen können? Hat der, dessen Wesen so sonnenglänzend erlebt wurde, auch einziehen können als Lebensspender und Lebensträger in die Menschenherzen? Ist die Stille, die den Palmsonntag beschließt, eine Stille wie die an der Bahre eines Verstorbenen, erfüllt nur von Erinnerung an Geschehenes? Oder ist es eine von Lebenswärme erfüllte, zukunftszugewandte Stille, das Berührtwordensein von einer neuen Möglichkeit zu eigenem Werden?

In die Stille des eigenen Wesens werden wir geführt, wenn wir das Wirken jener Sonne weiterverfolgen, die am Palmsonntag für die Menschen aufgeht. Äußerlich schlägt ihr der Jubel entgegen. Dieses Sonnenwesen sucht aber tiefere Schichten, in die es sein Licht hineintragen will, die Schichten, in denen es still bleibt, in denen die Sonne, die über Gut und Böse gleichermaßen leuchtet, immer nur den einzelnen finden und erkraften kann. Das ist der Teil der Ereignisse dieses Tages, der der Stille angehört, in dem das Geschehene nicht erfüllt ist, als der Tag sich neigt, sondern in dem die gleiche Art der Begegnung mit dem Sonnenwesen des Christus auch heute, auch durch uns immer wieder noch geschehen kann und geschehen will. Bewunderung für den Glanz seines göttlichen Wesens zu erwecken, ist er nicht eingezogen in die Menschenwelt. Um die Herzen zu berühren, ihnen Lebenskraft zu schenken aus seinem eigenen GottesSonnenWesen heraus, hat er sich uns hingeschenkt, jedem einzelnen von uns. Denn diese Sonnengabe, dass seine Kraft Lebenskraft, Entfaltungskraft wird in uns, kann nur wirksam werden, wo er nicht er selbst bleibt, nicht das leuchtende Sonnenwesen bleibt, sondern wo er sich hinschenkt in die Wärme unserer Herzen, sich verwandelt in die Wärme, die unsere Herzen erfüllt.

Palmsonntag: Der äußere Glanz der strahlenden Sonne, deren Aufgang Jubel weckt, der äußere Glanz leuchtet auf und verdämmert. Im Verborgenen, dort, wo die Sonne immer nur den einzelnen berühren kann, im stillen Innern der Herzen, aber will sich etwas regen, will GottesSonnenWesen sich wandeln zu der Kraft, Menschenwesen zur Entfaltung zu führen, wie es dem einzelnen jeweils angemessen ist. In diesem Bereich der Stille können wir jene Sonne des Palmsonntags auch heute suchen. Hier sind auch wir aufgefordert, ihre Kraft zu erfahren und ihr Raum zu geben, dass ihr Licht Leben werden kann in unseren Herzen.