von Navid Kermani aus „Ungläubiges Staunen über das Christentum“

Dieser Sohn ist so leicht geworden, buchstäblich auf die Knochen abgemagert, auch die Beine spindeldürr, dass die Mutter seinen Oberkörper ohne Anstrengung auf der flachen Hand hält. Seine Hüfte könnte sie, deren Finger unnatürlich lang sind, mit zwei Händen umschlingen. Ist sie überhaupt die Mutter? Wenn ich recht sehe, stellen sich die Katholiken Maria fast immer jünger vor, als eine Frau sein könnte, deren Sohn vier, oder achtunddreißigjährig starb, die damalige Lebenserwartung einberechnet als reifer Mann, aber die Maria in St. Kunibert sieht noch jünger aus als gewöhnlich, nicht nur wegen der roten Wangen fast wie ein Mädchen, die helle, fast weiße, kaum je von Sonne beschienene, gleichsam erfahrungslose Haut ohne Makel, in den Augen nicht bloß Trauer, vielmehr völlige Hilflosigkeit, die ja auch etwas Kindliches hat, die Hilflosigkeit einer, die auf Erden niemand mehr hat, der Eindruck noch verstärkt durch die andere, die angehobene Hand, die deshalb so kläglich wirkt, weil der ganze übrige Körper, auch die Mimik wie paralysiert wirken, im Gesicht eine Schlichtheit, etwas absolut Anti-Intellektuelles, etwas ganz unmittelbar Aufnehmendes, den Schmerz nicht Filterndes, die Welt nicht Begreifendes, dass der Gedanke abwegig erscheint, sie könne sich mit einem Gott im Himmel trösten. Der Glaube mag Erwachsenen ein Trost sein, selbst Müttern, die sich lang genug in der Frömmigkeit geübt haben, aber wie soll man Gott einem Kind erklären, einem Mädchen, das seinen getöteten Vater im Arm hält?

Ach, was sage ich, wohin führen mich meine Gedanken; es ist ja Maria, sie selbst ist die Mutter und der Getötete ihr Sohn, obwohl dieser andererseits aussieht wie – nein, nicht wie ihr Vater, aber wie ein sehr viel älterer Bruder oder ein Onkel oder vielleicht doch wie ihr Vater, das damalige Heiratsalter einberechnet? Überhaupt verwirren mich die Dimensionen; stelle ich mir beide Körper aufrecht nebeneinander vor, dann scheinen sie gleich groß zu sein, aber wie der Tote auf ihrem Schoß liegt, die Füße in der Luft schwebend, so dass sein Körper beinahe den Querbalken eines Kreuzes nachbildet, wirkt er irgendwie eingeschrumpelt, wirkt er winzig, was ja auch etwas Greisenhaftes hat. Seltsam zumal, dass Jesus Oberkörper und seine Beine nicht in den rechten, oder besser: realistischen Proportionen zueinanderstehen, jener zu groß, diese zu kurz.

Im Kunstreiseführer steht nichts über die Pietà, die wie ein übriggebliebenes Dekor auf den Altar des südlichen Mittelpfeilers gestellt worden ist, und selbst in der dreißigseitigen Broschüre, die im Regal neben dem Eingang zwischen Postkarten und dem Gemeinderundbrief zum Verkauf ausliegt, ist für den Preis von drei Euro nicht mehr zu erfahren, als dass die Skulptur aus dem frühen fünfzehnten Jahrhundert stammt, nicht einmal aus welchem Holz sie geschnitzt ist, wo sonst jedes Porträt eines Kanonikers bedacht wird. Ich bin auch nicht wegen der Pietà die paar hundert Meter von meinem Büro nach St Kunibert geradelt, sondern weil ich ein Kruzifix betrachten wollte, das mit einer Kreuzigung verwandt ist oder sogar in der gleichen Werkstatt erschaffen wurde, die mich in einer Ausstellung ergriffen und schockiert hatte, weil es die körperliche Qual des Erlösers in absolut erschütternder Drastik zeigt, der Mund in Agonie aufgerissen, die Stirn schmerzverzerrt. Allein, die Kreuzigung, die ich in St. Kunibert vorfand, ist im achtzehnten Jahrhundert weiß getüncht worden und auch sonst nicht über das gewohnte Maß hinaus drastisch, Jesu Gesicht so friedlich, als würde er sanft träumen. 

Der Jesus hingegen, der unbeachtet auf Marias Schoß liegt, ist nur mehr ein Skelett, über das sich die Haut so sehr spannt, dass die Hohlräume zwischen den Rippen zu tiefen Furchen geraten, die Lippen noch wie im Todeskampf aufeinandergepresst, die Wunde an der Brust fingerbreit, das braune, mit Schmutz vermischte Blut über den ganzen Körper verspritzt, die Stirn im Tod noch gerunzelt vom übergroßen Schmerz, auf dem ohnehin länglichen Gesicht die Falten so lang, dass sich noch ein Schrei abzuzeichnen scheint. Nur die geschlossenen Augen wirken besänftigt; wie erlöst ruhen die Lider aufeinander. Ja, erlöst, geht mir beim Anblick durch den Kopf, erlöst; dieser Jesus ist kein Erlöser, sondern wirkt selbst von der Folter, der Verachtung, dem Verrat der Mitmenschen erlöst, weswegen sich plötzlich die Frage mir aufdrängt, ob er überhaupt auferstehen wollte, stünde er vor der Entscheidung, ob er nicht das Nichts vorzöge einem Leben, auch einem künftig ewig schönen Leben, das aber zuvor solche Qualen bereitet. Es sind ja nicht nur seine Qualen beziehungsweise sind diese nur das Extrem der Qualen aller Menschen, ob Söhne oder Väter, ob Mütter oder Töchter und manchmal nicht bloß das Extrem.

Der katholische Freund, dem ich ein blitzlichthelles Foto gemailt habe, spielt am Telefon meine Entdeckung herunter. Zwar scheine meine Pietà, die da unbemerkt von der Kunstgeschichte ein paar hundert Meter entfernt von meinem Büro stehe, durchaus hochwertig zu sein, aber außergewöhnlich nun wiederum auch nicht. Nein, nein, nicht einmal die Proportionen, beantwortet der Freund meine nächste Frage und verweist auf die Marienmystik im späten Mittelalter, deren zentrale Erfahrung die Einfühlung in die Gottesmutter sei, nicht so sehr in den Sohn; bei Beerdigungen, fügt der Freund an, trauerten wir doch auch mehr mit den Hinterbliebenen als mit dem oder der Verstorbenen selbst, deren Zustand sich unserer Vorstellungskraft entzöge. Weil die Pietà den Zweck habe, das Mitleid der Gläubigen hervorzurufen oder zu erneuern, sei auf den Pietàs des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts die Maria immer größer geworden, größer und größer, Jesus immer kleiner. Ich bin mir nicht sicher, ob mich das überzeugt, murmele ich und verweise darauf, dass Jesus bei genauerer Betrachtung gar nicht sonderlich klein, vielmehr fürchterlich schmächtig wirke, wie ein abgemagerter Greis eben. Das könne er nicht beurteilen, sagte der Freund, auf dem Foto seien die Größenverhältnisse nicht genau zu erkennen. Die Frage, warum die Maria meiner Pietà so jung, Jesus so alt ist, erspare ich mir, um mein Staunen zu bewahren. Gern schaue er sie sich einmal an, wenn er das nächste Mal in Köln sei, sagt der katholische Freund zum Abschied.

Ich weiß nicht, ob ich ihn tatsächlich mit zu meiner Pietà nehmen sollte. Vielleicht ergeht es ihm anders, aber in mir stieg während der Stunde, die ich ziemlich allein in St. Kunibert auf der Kirchenbank schräg vom südlichen Mittelpfeiler saß, nach und nach der Gedanke auf, dass die „Frömmigkeit“, wie der wörtliche Sinn von Pietà lautet, das Vertrauen auf Gott eher erschüttern als bestärken müsse. Jesus am Kreuz wirft Fragen genug auf, aber lädt nicht in dem Sinne zur Identifikation ein, dass wir uns vorstellen würden, selbst am Kreuz zu sterben. Natürlich tut er uns leid. Aber leiden wir, leidet sogar ein gläubiger Christ tatsächlich mit ihm, ist genau das die Empfindung des Betrachters oder nicht doch das Erschrecken darüber, was einem Einzelnen angetan wird von Vielen? Selbst eine Mutter, die um ihren Sohn weint, so kalt jeden der bloße Gedanke durchfahren muss, der eigene Kinder aufwachsen sieht, selbst die trauernde Mutter entspricht nicht der Regel menschlicher Erfahrung, sondern bleibt für die meisten zum Glück der ultimative Albtraum. Hingegen die meisten von uns, ob gläubig oder nicht, haben bereits oder werden einmal ihren toten Vater, ihre tote Mutter im Arm halten. Wenn etwas, dann ist dies der menschlichen Erfahrung eine Regel, dass die Eltern gehen und wir allein auf Erden zurückbleiben, sie kleiner werden, wir größer.