Von Ulrich Meier aus der Zeitschrift „Die Christengemeinschaft“ 2006

Die Johannestaufe und das Sakrament der Beichte

Man geht in den Bildern seines Lebens spazieren. Ist von ihnen umgeben und ist zugleich identisch mit ihnen. Sieht und erlebt alles noch einmal, aber anders. Ein überraschend neuer Blick auf Gewordenes, mit der Frage nämlich, ob diese Bilder das waren, was man hätte leben sollen. Und lieben, ja, natürlich.

So stelle ich mir das große Bilderangucken nach meinem Tod vor, seit ich die Berichte von den Nahtoderfahrungen des George Ritchie und Anderer gelesen habe. Und erblicke darin etwas von der Johannestaufe – und vom Beichtsakrament, das uns in der Christengemeinschaft anvertraut ist: Man taucht in den Strom der Erinnerungen unter, lässt sich ganz von den fließenden Bildern überfluten, öffnet sich für andere Perspektiven auf das Gelebte, und steigt schließlich mit einem neuen Blick wieder heraus, mit der Ahnung dessen, was in Zukunft anzustreben wäre. Sinneswandlung: sich und dem eigenen Leben einen neuen Sinn geben, eine andere Richtung, vom neuen Anblick des Menschen her wie ein Leuchtfeuer klar bestimmt.

Im Beichtgespräch ist da als Zeuge noch ein Anderer anwesend, der die Aufgabe des Täufers Johannes übernehmen soll, der Priester. Er soll Vorgänger, Wegbereiter dessen werden, der als der Schaffende menschliches Wandeln mit seinem Wandeln durchdringen kann. Zu dem Blick auf meine Lebensbilder kommt so der nächste Schritt hinzu. Ich schaffe sie noch einmal, indem ich sie mit Worten hörbar mache. Und erfahre dabei, wie Hören und Sprechen neue Einsichten, neue Kompositionen, neue Beziehungen meiner selbst zu den Erinnerungen ermöglichen. Denn ich trage ja nicht nur mein Leben als Bilderwerk mit mir, sondern auch die Art, wie ich jedes einzelne Bild gewollt oder nicht gewollt habe, wie ich es empfunden habe und darüber urteilte. Damit in eine weitere Klärung schon jetzt zu kommen und nicht erst mit dem Lebenspanorama nach dem Tod, ist die Chance. Immer weniger verurteilen müssen, immer weniger Angst und Abwehr haben, immer mehr Bejahung.

Ist für dieses Mal der letzte Pinselstrich an den Erinnerungsbilderworten ausgesprochen, folgt der Augenblick des Übergangs, des Auftauchens aus dem Bilderstrom des Vergangenen. Eine Pause, in der nicht mehr gesprochen werden muss. »Auch ich verurteile dich nicht.« Dieses Wort des Nichtsprechens Christi zu der Ehebrecherin kann für all unser Tun und Unterlassen gelten, das wir nicht nur mit unserem Leben, sondern noch einmal im nachschaffenden Erinnern in die Erde eingeschrieben haben.

Die abschließenden Worte des Sakramentes sind nicht mehr individuell, sie weisen in jedem Leben und in jedem Lebensaugenblick auf das eine Bild des Menschen, das ihn zum Ebenbild Gottes aufsteigen lässt. Wo wir lernen, Gottes- und Menschenwirken ineinander zu fügen, wo wir mit der göttlichen Kraft des Friedens beschenkt werden, da öffnen wir uns dem Atem der Liebe, die in uns einzieht, indem wir sie in der Hingabe an Gott und die Menschen auszuströmen beginnen.