Geschichte für Johanni von Georg Dreißig

Im Lande Israel lebte ein Mann, denn sie Johannes den Täufer nannten, denn er rief die Menschen auf, sich von ihm Wasser des Jordanflusses taufen zu lassen. Wen er aber ins Wasser eintauchte, der sah den Himmel aufgetan und den Sohn Gottes zur Erde herniedersteigen.

Die Menschen kamen in großen Scharen zu ihm, um sich von ihm erzählen zu lassen und die Taufe zu empfangen. So sehr bedrängten sie ihn, dass er kaum Zeit zum Essen und Trinken fand.

Eines Tages stand Johannes wieder am Ufer des Jordan. Ein Bienlein hatte sich unweit von ihm auf einen Stein niedergelassen, um zu trinken. Da war eine Welle gekommen und hatte die Biene ins Wasser gezogen. Johannes sah das kleine Tier um sein Leben kämpfen, eilte hinzu, streckte die Hand aus und hob die Biene aus dem Wasser.

Nun müsst ihr wissen, dass die wilden Bienen zu jener Zeit noch viel ängstlicher waren, als sie heute sind. Denn so sehr sie sich auch abmühen mochten, sie konnten doch an Honig gerade so viel zusammenbringen, wie sie selbst zum Leben brauchten. Und so verteidigten sie sich mit ihrem Stachel gegen jeden möglichen Räuber.

Als Johannes die Biene rettete, stach sie ihm darum kräftig in die Hand. Der Täufer aber ergriff das pelzige Tierchen vorsichtig mit den Fingerspitzen, löste es aus seinem Handteller so sorgsam, dass sein Stachel keinen Schaden litt, und setzte es dann auf ein Blatt, damit die Sonne es trockne. Dann wandte sich Johannes wieder predigend und taufend den Menschen zu und dachte nicht mehr an das Bienlein. Erschöpft von den Mühen des Tages saß er abends auf einem Stein. Da erst fiel ihm ein, dass er den ganzen Tag lang keine Speise zu sich genommen hatte, und er griff in seine Tasche, um einen Kanten Brot herauszuholen. Doch er fand die Tasche leer. So würde ihm nichts anderes zu tun übrigbleiben, als das, was er schon an manch anderem Tag getan hatte: hungrig schlafen zu gehen.

Während er noch so dasaß, bemerkte er auf einmal eine Biene, die um ihn herumflog. Was mochte das kleine Tier an diesem Ort hier am Abend noch verloren haben? Ei, die Biene hatte Johannes gesucht, und nun, da sie ihn gefunden hatte, zögerte sie nicht mehr lange, sondern setzte sich flink auf seine Lippen, um sogleich wieder davonzufliegen. Es hatte aber auf den Lippen ein kleines Tröpfchen Honig zurückgelassen. Und denkt euch: der Honig, so wenig es auch war, sättigte den Täufer, als hätte ihm jemand ein ganzes Mahl bereitet.

Täglich kam fortan das Bienchen zu Johannes geflogen und brachte ihm ein Tröpfchen Honig. Johannes aber segnete das Bienlein und sagte: »Weil du das Wenige, das du unter Mühe gesammelt hast, mit mir teilst, will ich Gott, den Herrn, bitten, dir und deinesgleichen Honig im Überfluss zu schenken.« Die Bitte des Täufers hat sich erfüllt. Bis auf den heutigen Tag können nun die Bienen Honig im Überfluss sammeln, so viel, dass sie auch uns davon abgeben können.