Geschichte für Pfingsten von Georg Dreißig

Ein Junge war bei Köhlersleuten aufgewachsen, die ihn geliebt und gepflegt hatten wie ihr eigen Kind. Doch als er 14 Jahre alt geworden war, sprach der Köhler zu ihm: »Deine Zeit ist nun gekommen, dass du dich auf den Weg in deine Heimat machst. Denn wisse, du stammst aus königlichem Geblüt, und nun sollst du zum Schloss deiner Eltern zurückkehren. Deine Eltern sind gestorben, deshalb haben wir dich an Kindes Statt großgezogen. Auf dem Schloss aber wartet dein älterer Bruder auf dich. Wir sollen dir sagen: Ziehe immer gen Sonnenaufgang, und wenn dich der Mut nicht verlässt, wirst du den Weg finden.« Da bedankte sich der Jüngling und machte sich auf den Weg immer der Sonne entgegen. Zunächst konnte er einer gebahnten Straße folgen, und manch ein Fuhrmann nahm ihn auf seinem Wagen

eine Strecke weit mit. Doch dann wurde der Wegenger, führte durch Wiesen und Moore, und der Junge musste gut Acht geben, wohin er trat. Endlich gelangte er an einen Fluss, der war so breit, dass er kaum das andere Ufer erkennen konnte. Er wanderte flussaufwärts und flussabwärts, konnte aber keinen Fährmann finden. Da entschloss er sich, schwimmend den Fluss zu überqueren. Er schwamm, bis seine Kräfte erlahmten, und immer noch hatte er das andere Ufer nicht erreicht. Da bekam er es mit der Angst zu tun. Wie, sollte er hier untergehen und elend ertrinken? Er mühte und mühte sich, endlich aber war er so schwach, dass er sich der Strömung des Wassers nicht mehr widersetzen konnte. Da spürte er plötzlich, wie ihn jemand mit starkem Arm fest packte und mit sich zog, bis er ihn am anderen Ufer niederlegte. Als er aufblickte, sah er das leuchtende Antlitz eines jungen Mannes, der sich über ihn beugte. Dann schlief er ein.

Er musste lange geschlafen haben, denn als er wieder erwachte, waren seine Kleider bereits getrocknet. Er fühlte neue Kraft in seinen Gliedern und machte sich frohgemut wieder auf die Fahrt. Der Weg führte ihn nun steiler und steiler ins Gebirge hinauf. Immer wieder musste er Geröll fortschaffen, das ihm den Weg versperrte, doch scheute er keine Mühe. Sein Pfad aber endetet auf einmal vor einem Abgrund, in dessen Tiefen er einen wilden Bach tosen hörte. Über den Abgrund führte eine Brücke, die war kaum breiter als die Klinge eines Schwertes. Die andere Seite aber konnte der Jüngling nicht erkennen, so breit war jener Abgrund. Angesichts der schmalen Brücke wollte den Jüngling der Mut verlassen. Doch er erinnerte sich der Worte des Köhlers: »Wenn dich der Mut nicht verlässt, wirst du den Weg finden.« Da fasste er sich ein Herz und trat auf die schmale Brücke. Fuß vor Fuß ging er voran, schaute nicht nach unten in die tosenden Tiefen, sondern hielt den Blick fest auf die andere Seite gerichtet. Er war aber erst in der Mitte der schmalen Brücke angelangt, als ihn seine Kraft verließ und Schwindel ihn packte. Da spürte er, wie er wankte, wie er drohte, in die Tiefe zu stürzen. Zugleich aber spürte er, wie jemand ihn mit festem Griff hielt, jemand, der hinter ihm ging, ohne dass er ihn bemerkt hätte. So gehalten erreichte er die andere Seite des Abgrundes.

Dort wandte er sich um, den zu sehen, der ihm geholfen hatte, und wieder schaute er in das leuchtende Antlitz des Jünglings, der ihn auch über den Fluss getragen hatte. Kaum aber, dass er ihn gesehen hatte, entschwand er seinem Blick. Nachdem er sich ausgeruht hatte, machte sich der Jüngling wieder auf die Fahrt, höher und höher hinauf in die Berge, und eines Morgens stand er endlich vor dem Schloss, zu dem er aufgebrochen war. Aus rotem Gold schien es errichtet zu sein, und so gleißend war sein Licht, dass er seinen Blick abwenden musste; denn das Schloss, das er gefunden hatte, war die Sonne selbst, die sich eben über die Berge erhob. Vor dem Schloss aber stand der Jüngling mit dem leuchtenden Antlitz, der ihm dreimal auf seinem Weg geholfen hatte und grüßte ihn. »Ich bin dein älterer Bruder, der in diesem Schloss wohnt«, sagte er. »Noch kannst du es nicht betreten, denn du könntest der Macht des Feuers noch nicht wieder standhalten. Aber du erinnerst dich jetzt daran, dass hier deine Heimat ist und du einst von hier ausgezogen bist. Eines Tages wirst du hierher zurückkehren und immer bei mir sein. Jetzt aber gib dich zufrieden mit diesem Goldreif, den ich dir aufs Haupt setze. Nur diejenigen werden ihn erkennen, die ebenfalls einen solchen Reif tragen. Er zeichnet dich als Königssohn vom Sonnenschloss aus. Ziehe nun aufs Neue aus zurück ins Tal! Wann immer du mich brauchst, wirst du mich an deiner Seite finden.« Da dankte der Jüngling und kehrte auf die Erde zurück – als ein heimlicher Königssohn, dessen wahre Heimat das Sonnenschloss ist. Das merkten die Menschen, auch diejenigen, die seinen goldenen Reif nicht sehen konnten, denn Licht und Wärme verbreiteten sich, wo immer er unter ihnen weilte, als wäre der Himmel selbst bei ihnen eingekehrt.