Geschichte für Himmelfahrt von Georg Dreissig

Vor langer Zeit haben die Menschen einmal zum Himmel aufgeschaut und zueinander gesagt: »Es wäre doch recht schön, wenn wir zwischen Himmel und Erde eine Brücke bauen würden. Dann könnten wir, wenn wir wollten, hinaufgehen und schauen, wie es im Himmel aussieht. Ja, das wäre eine feine Sache.« »Aber«, gab einer zu bedenken, »wie machen wir es, dass kein Schelm über die Brücke in den Himmel wandert? Das würde den lieben Gott und die Engel vielleicht verärgern.« »Wir machen eine Schranke davor«, beruhigten ihn die übrigen, »und an die Schranke stellen wir einen Wächter, der keinen Schelm hindurchlassen darf.« Und meinten alle, selbst keine Schelme zu sein.

Dann haben die Menschen Schaufeln genommen und fleißig Sand aufgeschüttet. Aber immer, wenn sie einen großen Berg davon zusammen hatten, rieselte der Sand auseinander, und sie mussten alles aufs Neue beginnen. Endlich merkten sie, dass es mit Sand nicht zu machen sei. »Der Sand ist zu locker«, sagten sie, »wir müssen etwas Festeres nehmen.« Jetzt fingen sie an, die Brücke aus Steinen und Mörtel zu bauen. Nachdem sie sich aber ein Jahr um das andere abgemüht hatten, merkten sie, dass sie auch mit dieser Brücke aus Stein nicht bis zum Himmel kamen. Sie hatten einfach nicht genügend Steine. Jetzt waren sie ziemlich ratlos. Was sollten sie tun? Gab es denn niemanden, der ihnen helfen konnte? Seht, da kam ein Mann daher, das war aber ein verkleideter Engel. Der konnte ihnen Rat geben. »Wenn ihr eine Brücke in den Himmel bauen wollt«, sagte er, »dann dürft ihr dazu keinen Sand und auch keine Steine nehmen. Ihr müsst sie aus Wasser und Licht bauen, sonst stürzt sie zusammen.« »Aus Wasser und Luft?«, wunderten sich die Menschen. »Wie sollte das denn einer zuwege bringen?« Der Mann aber sagte, er wolle ihnen die Brücke schon bauen, und zwar nicht in einem Jahr, sondern in einem Augenblick. Sie sollten sich nur ein wenig gedulden. Da waren die Menschen sehr gespannt, was er ihnen zeigen würde. Als die Sonne begann, sich gen Abend zu neigen, hob der Mann die Hand und wies nach Osten. Da verdunkelte sich dort der Himmel, und es begann zu regnen. Wiederum hob der Mann die Hand und schrieb vor den Regenschleier einen weiten Bogen. Und was meint ihr, was da geschah? Auf einmal zeigte sich die Brücke zwischen Himmel und Erde, und sie war wirklich in einem Augenblick aus nichts anderem als aus Wasser und aus Licht gebaut. Es war der Regenbogen. »Seht ihr, schon ist die Brücke fertig«, sagte der Mann, »und es bedarf auch keines Wächters, der verhütet, dass ein Schelm darauf in den Himmel wandert. Die Brücke ist so geartet, dass Schelme sie gar nicht erst betreten können.« Sprachs’, trat vor aller Augen auf die Brücke und wanderte darauf in den Himmel. Ob ihm wohl einer gefolgt ist? Ach nein. Die Menschen blickten ihm nach und gingen still in ihr Haus. Sie hatten eingesehen, dass sie alle miteinander Schelme waren, als sie eine Brücke in den Himmel bauen wollten.