von Georg Dreissig

In der Menschenweihehandlung heißt es von dem zum Himmel aufgefahrenen Christus, er lebe im Er-densein und verkläre das Erdensein mit Himmels-sein. Dafür, wie das vorzustellen ist, dass Erdensein mit Himmelssein verklärt wird, wollen wir versu-chen, Verständnis zu entwickeln.

»Ich sehe klar genug, was ich zu sehen brauche; die ganze Schöpfung lebt von Gottes Lebenshauche. Wie sie den Hauch empfing, das ist von Nacht um-hangen; wir aber preisen Gott, dass sie den Hauch empfangen.«
Wie sicher setzt Friedrich Rückert diese Aussage hin: »Ich sehe klar genug, was ich zu sehen brauche; die ganze Schöpfung lebt von Gottes Lebenshau-che.«

Wenn man dem doch ebenso klar und sicher bei-pflichten könnte! Aber diese Sicherheit des Sehens, der Erfahrung stellt sich bei uns nicht ohne weiteres ein. Wenn wir vom Himmel sprechen, von der Sonne, den Wolken, vom Wind, so können wir eini-germaßen sicher sein, dass die anderen Menschen verstehen, was wir meinen, worauf wir mit unseren Wörtern hinweisen. Nicht so, wenn wir vom Geist reden, und schon gar nicht, wenn wir von Erweisen des Geistes in der Sinneswelt, von Spuren Gottes in der Natur reden wollten. Wie kann es denn sein, dass dem einen alle Dinge der Welt von Gottes Da-sein und Wirken künden – der Glanz der Steine, die Schönheit der Blüten, die Ordnung der Sterne – und einem anderen dies alles nur materielle Angelegenheiten sind, die höchstens auf physikalische oder chemische Vorgänge hinweisen? Offensichtlich ist die Möglichkeit, geistige Offenbarungen wahrzunehmen, nicht an die Möglichkeit einer Sinneswahrnehmung als solcher geknüpft. Beim Nicht-wahrnehmen-Können geistiger Offenbarungen in der Welt handelt es sich gar nicht um eine Schwachheit der Sinne, sondern vielmehr um das Unvermögen, Wahrgenommenes als wesenhafte Offenbarung zu verstehen. Weil das Denken, das Verstehen nicht bereit ist, Geistiges zu erfassen, können die Wahrnehmungen nicht davon künden. Es gibt nichts, was den Sinnesprozess stärker beeinflussen und hemmen könnte als ein falsches Urteil, das wir einer Sache entgegentragen. Ja, wir können diese Tatsache sogar noch schärfer formulieren und sa-gen: Wir sind überhaupt nur solange in der Lage, mit unseren Sinnen wahrzunehmen, wie wir den ur-teilenden Verstand in seiner Tätigkeit zurückhalten können. Das ist aber leichter gesagt als getan. Jeder Mensch kann heute an sich selbst beobachten, dass scheinbar in demselben Augenblick, in dem unser Auge etwas sieht, in dem unser Ohr etwas hört, sich auch bereits ein Begriff, ein Name zu der Wahrnehmung hinzugesellt. Das urteilende Verstehen er-greift die Sinneswahrnehmung bereits, ehe sie sich voll entfalten konnte, und setzt ihr damit ein Ende. Der Tatsache, dass sich zu einer Wahrnehmung der zutreffende Begriff wie von selbst einstellt, verdanken wir ein gehöriges Maß an Sicherheit dem gegen-über, was auf uns aus der Sinneswelt eindringt. Wer einmal in der Situation gewesen ist, dass er einen Sinneseindruck nicht benennen konnte, wer erlebt hat, dass er etwas sieht, was er nicht versteht, der weiß, wie unsicher, ja ängstlich ein solches Ereignis machen kann. Dennoch gilt, dass das augenblickliche Bereitstellen eines passenden Begriffes dem Wahrnehmen selbst nicht zuträglich ist. Wollen wir Wahrnehmung üben, müssen wir diesen Vorgang kennen. Dann können wir in ihn eingreifen, können den sich einstellenden Begriff noch einmal zurück-drängen und auf diese Weise dem Sehen, dem Hören den Platz schaffen, den sie brauchen, damit sie sich entfalten können. So erziehen wir uns zum Staunen. Im Staunen aber verbindet sich statt des Denkens eine ganz andere Seelenkraft mit dem Wahrgenommenen: unser Gemüt, unser Mitfühlen. Welchen Unterschied macht es denn, ob wir mit dem Denken oder mit dem Empfinden, mit den Kräften unseres Gemütes die Dinge der Welt auf-nehmen? Malen wir uns einmal vor unseren inneren Blick eine Wiese, in helles, warmes Sonnenlicht getaucht, auf der zahllose Blumen ihre Blüten geöffnet haben und das allgemein vorherrschende Grün mit den unterschiedlichsten Farbtupfern bereichern. Lauschen wir dem Summen und Brummen der eifrigen Bienen und der emsigen Käfer, folgen wir in innerer Beschaulichkeit dem Gaukelflug der Schmetterlinge – hier zwei Zitronenfalter, drüben ein Pfauenauge, da hinten Kohlweißlinge – sobald wir sie zu zählen beginnen, sind sie verschwunden, aber andere tauchen unvermittelt auf… Der warme, ein wenig trockene Duft der Wiese steigt uns in die Nase. Ein Windhauch streicht über uns, und die Halme neigen sich leise vor ihm… Hätten wir keine Begriffe, wir könnten das Bild gar nicht in unsere Seele hereinrufen. Aber was aufgrund der Benennungen in unserer Seele entsteht, ist erstaunlicher Weise etwas ganz anderes als die Summe der aus-gesprochenen Begriffe. Es ist ein Erlebnis, eine Erfahrung, eine Stimmung, die von den Begriffen ganz unabhängig ist, die unmittelbar mit dem Wahrgenommenen selbst zusammenhängt. Was tut unser Gemüt? Es lässt die von den Begriffen zu den Din-gen leiten, auf die es hingewiesen wurde. Dann aber sieht es ganz ab von den Begriffen und lässt die Dinge selbst in sich aufleben. Es blüht mit den Blumen im Sonnenschein, gaukelt mit den Schmetterlingen über die Wiese, streicht mit dem Windhauch über die Halme. Das Gemüt fragt nicht, welcher Be-griff zu einer Wahrnehmung hinzugehört, es lebt sich in das Wahrgenommene selbst unmittelbar ein, identifiziert sich damit. Es setzt nicht einen Namen an die Stelle des Sinneseindrucks, sondern ergänzt und bereichert ihn mit einer seelischen Empfindung.
Das Gemüt schreibt der Seele nicht das Wort »Falter« ein, es macht, dass die Seele selbst ein wenig zum Falter wird – und das ist ihre Art, den Falter wahrzunehmen: nicht als Ding von außen, sondern als Wesen von innen. Indem es das tut, erlebt die Seele unmittelbar, dass sie mit den Dingen der Welt verwandt ist. Der Verstand hat es mit Objekten zu tun. Das Gemüt erlebt nicht objektiv, sondern subjektiv: Diese Erfahrungsweise erlaubt ihm, das Wesen der Dinge zu erfassen, ihr Inneres mit dem eigenen Erleben zu ertasten, ihre Absichten und Ziele als innere Erfahrung zu erspüren. Was dem Verstand nur Attribute sind, an denen es ein Ding wiedererkennt – der Stängel, die Blattform, die Blütenfarbe einer Blume–, das erfühlt das Gemüt als Gebärde, als Geste, in dem das so wahrgenommene Wesen sich ausspricht: im aufrechten Stängel sein Streben zum Licht, in der Rundung oder Zackigkeit der Blattform seine Wesenseigenart, im offenen Kelch seine Hingabe- und Empfangsbereitschaft. Wir sagten am Anfang, dass es dem Geistigen in der Welt gegenüber eine weit verbreitete Sinnesschwäche gebe. Wir haben zu zeigen versucht, dass diese Sinnesschwäche ihre Ursache nicht in der Beschaffenheit der Sinne selbst hat, sondern in der Art hat, wie wir uns im allgemeinen der Welt zuwenden. Unser schnelles Urteilen gewährt uns ein Gefühl der Sicherheit in der Fülle der Sinneseindrücke, die auf uns einstürmen. Es verhindert aber ein tieferes Wahrnehmen der Dinge um uns her. Nur was in unserer Seele aufleben, was in uns zu seinem äußeren Dasein eine innere Offenbarung hin fügen kann, das kann auch von seinem heimlichen Wesen, von dem in ihm verborgenen Geistigen künden. Unsere eigene Seele ist die Welt, in der die Dinge das geistige Wesen aussprechen, das sie in sich tragen, und wir müssen ihnen, wollen wir an das Geistige in ihnen rühren, den Zugang zu dieser Welt, die Beziehung zu unseren Gemütskräften, öffnen.

Mit dieser Haltung ist aber weit mehr verbunden als nur die Möglichkeit für uns selbst, an das Wesen-hafte in den Dingen der Welt zu rühren. Sie erscheinen nicht nur in unserer Seele anders, als sie allein von den Sinnen wahrgenommen würden; sie verwandeln sich auch, sobald unser liebevoller Blick auf sie fällt. (Davon spricht Rudolf Steiner in seinen Vor-trägen über »Anthroposophie und das menschliche Gemüt«.) Indem wir uns in ihr Wesen einleben, sie in unserem Mitempfinden erstehen lassen, ist es für die Naturwesen, als würden sie aus dem Traum ihres Daseins erwachen. In unserem eigenen Begreifen, begreifen auch sie, wer sie sind und welches Ziel sie in sich tragen. Was in der Pflanze als Seelengeste erstarrt und veräußerlicht erscheint, erfüllt sich nun mit Seele. Was im Tier als Seelentrieb vereinseitig erscheint, wird aufgenommen in das Wechselspiel menschlicher Seelenregungen und gewinnt Anteil am Willen zur Läuterung. Indem wir als Menschen die Beziehung zu ihnen aufnehmen, wird es den Dingen der Welt möglich, in einer gewissen Weise »Ich« zu sich zu sagen. Erlösung aus der Traumbefangenheit, der Schlafbefangenheit ihres Erdenseins suchen die Wesen der Natur in unserer anteilnehmenden Seele. Wo unsere Sinne wahrnehmen, da geht ein Teil der Verantwortung dafür, dass diese Erlösung geschehen kann, auf uns über. Davon schreibt Paulus den Römern, wenn er darlegt, dass die Wesen der Schöpfung voller großer Sehnsucht auf den Menschen schauen, der bewirken soll, dass auch durch ihre Reiche »der Atem der Freiheit hin-durchgehen« kann, auf dass sie die Vergänglichkeit abschütteln und Anteil am geistig Wesenhaften gewinnen können (Rö 8). Mit ganz anderen Worten spricht der Fuchs zum kleinen Prinzen in der gleichnamigen Erzählung von Saint-Exupéry von demselben Geheimnis, wenn er lakonisch feststellt: »Du bist für deine Rose verantwortlich.« Nicht nur für unsere Art des Erkennens und Verstehens der Welt ist es von Bedeutung, auf welche Weise wir uns den
Dingen zuwenden, auch für die Kreatur bedeutet es sehr viel. Indem wir uns vergegenwärtigen, in welchem Verhältnis zur Welt wir mit unseren eigenen Gemüts- und Erkenntniskräften stehen, haben wir eine Möglichkeit gewonnen, auch das Himmelfahrtsereignis in seiner Auswirkung tiefer zu begreifen. Vor dem Blick der Jünger entschwand die Gestalt Christi im Wolkenreich. Das Wesen Christi blieb nicht mehr auf den menschlichen physischen Leib beschränkt. Es wurde an Himmelfahrt welten-weit. Was das bedeutet, können wir jetzt ein wenig fassen. Nicht nur in der äußeren Welt haben die Dinge der Welt und haben wir selbst seither unser Dasein und Leben. Auch in seinem Wesen sind wir anwesend. »In ihm leben und weben und sind wir«, verkündet es Paulus (Apg 17, 28). Wie in uns die Dinge der Welt zu ihrem Eigenwesen erwachen, ihr Eigenwesen erfahren möchten, so gibt es auch für uns ein höheres Erwachen und ein höheres Erfahren unserer selbst durch die Tatsache, dass wir im We-sen des auferstandenen Christus mitleben. Unsere besten Absichten und unsere höchsten Ziele leben auf in seinem Mitfühlen, in seinem Mitwollen und werden dort für uns erkennbar – und auch für uns. Dieses Mitleben in der weltenweiten Christusseele ist die Grundlage dafür, dass wir immer wieder Auferstehung erfahren, Auferstehung aus den Abgründen unserer eigenen Schwäche, unserem Ungenügen, unserer Ziellosigkeit. Wenn wir zum Nachthimmel aufschauen, erkennen wir dort die zahllosen Sterne, die uns tagsüber verborgen waren. Jeder Mensch, so meinte man früher, habe dort oben seinen eigenen Stern. So können wir ahnen, dass in der zum Himmel gewordenen Christusseele ein jedes Menschenwesen wie ein Stern leuchtet, durchfühlt und in seinem Ziel verstanden und gefördert durch das Miterleben und Mitempfinden des Christus selbst. In unserem Erdensein verdüstert sich uns mitunter der Blick auf uns selbst, wir zagen, zweifeln an uns, am Sinn unseres Daseins. Indem wir uns einleben in den Himmel der Christusseele, kann unser Wesen sternengleich über uns aufleuchten. Wir erfühlen, wie er, Christus, uns denkt, wie er uns fühlt, wie er uns will.
So finden wir, von seiner Seelenkraft gestärkt, neuen Mut zu uns selbst und zum Leben auf der Erde, dass wir jetzt zugleich ein Leben erfahren im Himmel seiner weltenweiten Seele.
»In ihm leben und weben und sind wir.«