von Georg Dreißig aus dem Buch: Wenn ich ein König wär‘

Als der Winter nicht weichen wollte

Im Herbst hatte das Jesuskind der Mutter Maria eifrig im Garten geholfen, hatte die Erde schön locker gemacht und sich ein Beet angelegt, in das er Samen und Blumenzwiebeln säte. Den Winter über hatten sie den Garten ruhen lassen und sich auf das Frühjahr gefreut. Aber in jenem Jahr schien die Winterkälte gar nicht mehr weichen zu wollen. So lagen die Felder und die Beete weiterhin nackt und bloß da, und kein einziges grünes Spitzchen wagte sich hervor.

Nun erinnerte sich auch das Jesuskind wieder an die Samen und Blumenzwiebeln in seinem Beet und wollte schauen, was sie machten. Wie enttäuscht aber war der Knabe, als er feststellen musste, dass auch auf seinem Beet noch nichts wachsen wollte. Traurig erzählte er es der Mutter Maria, die drinnen in der Stube saß und nähte.

Die Mutter nahm das Kind in den Arm und tröstete es. „Wenn bald die Sonne kommt und der Erde ihre Wärme schenkt, dann sollst du sehen, wie die Blumen auf deinem Beet wachsen werden. Hab nur noch ein wenig Geduld“, sagte sie.

Dann wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu.

Der Knabe hatte seiner Mutter aufmerksam zugehört. Jetzt lief er wieder hinaus. Und was meint ihr wohl, was er da tat? Er hockte sich vor seinem Beet nieder und begann, auf die kalte Erde zu hauchen, wie sein Vater sich auf die kalten Hände hauchte, wenn er von der Arbeit heimkam.

Seine Mutter sah ihn lange dort hocken und wunderte sich, was er da wohl trieb. Endlich ging sie ihm nach.

„Was machst du denn da, Jesus?“, frage sie.

„Ich bin die Sonne“, erwiderte der Knabe eifrig, „ und schenke der Erde meine Wärme, dass die Blumen wachsen können.“

Sprach’s und hauchte fleißig weiter.

„Du Schelm“, rief die Mutter Maria, „meinst du wirklich, du kannst es gerade so gut wie die Sonne?“

Das Kind nickte ernst. Maria streichelte ihm über die Haare. Sie mochte ihn in seinem Eifer nicht enttäuschen. Allein, was war das bisschen Kinderwärme gegenüber der Eiseskälte des Winters!

Am nächsten Morgen konnte es das Jesuskind kaum erwarten, in den Garten hinauszukommen. Und denkt euch: Auf dem Beet des Jesuskindes zeigten sich grüne Spitzen, und auch auf den übrigen Beeten hatte es zu sprießen begonnen.

„Du kleiner Sonnenknabe“, sagte Maria staunend, als sie es sah, „wer hätte das gedacht.“

Tatsächlich konnte man in den folgenden Tagen den Eindruck gewinnen, dass die Sonne in das Gärtchen von Maria und Josef Einzug gehalten hatte. Während ringsumher immer noch die Winterkälte regierte, begannen dort schon die ersten Frühlingsblüten zu schwellen.

Nur einer wunderte sich kein bisschen darüber: der Jesusknabe.

Der klatschte nur jubelnd in seine kleinen Hände und freute sich, dass es ihm gelungen war, den Winter aus dem Garten zu verjagen.