{"id":2496,"date":"2020-05-20T19:53:34","date_gmt":"2020-05-20T17:53:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cg-koeln-ost.de\/start\/?p=2496"},"modified":"2020-05-20T20:02:55","modified_gmt":"2020-05-20T18:02:55","slug":"himmel-sein-fuer-das-erdensein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cg-koeln-ost.de\/start\/?p=2496","title":{"rendered":"Himmel sein f\u00fcr das Erdensein"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.cg-koeln-ost.de\/start\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Bild2-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2503\" width=\"421\" height=\"311\" srcset=\"https:\/\/www.cg-koeln-ost.de\/start\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Bild2-1.jpg 600w, https:\/\/www.cg-koeln-ost.de\/start\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Bild2-1-300x222.jpg 300w, https:\/\/www.cg-koeln-ost.de\/start\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Bild2-1-290x214.jpg 290w\" sizes=\"auto, (max-width: 421px) 100vw, 421px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>von Georg Dreissig<\/p>\n\n\n\n<p>In der Menschenweihehandlung hei\u00dft es von dem zum Himmel aufgefahrenen Christus, er lebe im Er-densein und verkl\u00e4re das Erdensein mit Himmels-sein. Daf\u00fcr, wie das vorzustellen ist, dass Erdensein mit Himmelssein verkl\u00e4rt wird, wollen wir versu-chen, Verst\u00e4ndnis zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbIch sehe klar genug, was ich zu sehen brauche; die ganze Sch\u00f6pfung lebt von Gottes Lebenshauche. Wie sie den Hauch empfing, das ist von Nacht um-hangen; wir aber preisen Gott, dass sie den Hauch empfangen.\u00ab<br> Wie sicher setzt Friedrich R\u00fcckert diese Aussage hin: \u00bbIch sehe klar genug, was ich zu sehen brauche; die ganze Sch\u00f6pfung lebt von Gottes Lebenshau-che.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man dem doch ebenso klar und sicher bei-pflichten k\u00f6nnte! Aber diese Sicherheit des Sehens, der Erfahrung stellt sich bei uns nicht ohne weiteres ein. Wenn wir vom Himmel sprechen, von der Sonne, den Wolken, vom Wind, so k\u00f6nnen wir eini-germa\u00dfen sicher sein, dass die anderen Menschen verstehen, was wir meinen, worauf wir mit unseren W\u00f6rtern hinweisen. Nicht so, wenn wir vom Geist reden, und schon gar nicht, wenn wir von Erweisen des Geistes in der Sinneswelt, von Spuren Gottes in der Natur reden wollten. Wie kann es denn sein, dass dem einen alle Dinge der Welt von Gottes Da-sein und Wirken k\u00fcnden \u2013 der Glanz der Steine, die Sch\u00f6nheit der Bl\u00fcten, die Ordnung der Sterne \u2013 und einem anderen dies alles nur materielle Angelegenheiten sind, die h\u00f6chstens auf physikalische oder chemische Vorg\u00e4nge hinweisen? Offensichtlich ist die M\u00f6glichkeit, geistige Offenbarungen wahrzunehmen, nicht an die M\u00f6glichkeit einer Sinneswahrnehmung als solcher gekn\u00fcpft. Beim Nicht-wahrnehmen-K\u00f6nnen geistiger Offenbarungen in der Welt handelt es sich gar nicht um eine Schwachheit der Sinne, sondern vielmehr um das Unverm\u00f6gen, Wahrgenommenes als wesenhafte Offenbarung zu verstehen. Weil das Denken, das Verstehen nicht bereit ist, Geistiges zu erfassen, k\u00f6nnen die Wahrnehmungen nicht davon k\u00fcnden. Es gibt nichts, was den Sinnesprozess st\u00e4rker beeinflussen und hemmen k\u00f6nnte als ein falsches Urteil, das wir einer Sache entgegentragen. Ja, wir k\u00f6nnen diese Tatsache sogar noch sch\u00e4rfer formulieren und sa-gen: Wir sind \u00fcberhaupt nur solange in der Lage, mit unseren Sinnen wahrzunehmen, wie wir den ur-teilenden Verstand in seiner T\u00e4tigkeit zur\u00fcckhalten k\u00f6nnen. Das ist aber leichter gesagt als getan. Jeder Mensch kann heute an sich selbst beobachten, dass scheinbar in demselben Augenblick, in dem unser Auge etwas sieht, in dem unser Ohr etwas h\u00f6rt, sich auch bereits ein Begriff, ein Name zu der Wahrnehmung hinzugesellt. Das urteilende Verstehen er-greift die Sinneswahrnehmung bereits, ehe sie sich voll entfalten konnte, und setzt ihr damit ein Ende. Der Tatsache, dass sich zu einer Wahrnehmung der zutreffende Begriff wie von selbst einstellt, verdanken wir ein geh\u00f6riges Ma\u00df an Sicherheit dem gegen-\u00fcber, was auf uns aus der Sinneswelt eindringt. Wer einmal in der Situation gewesen ist, dass er einen Sinneseindruck nicht benennen konnte, wer erlebt hat, dass er etwas sieht, was er nicht versteht, der wei\u00df, wie unsicher, ja \u00e4ngstlich ein solches Ereignis machen kann. Dennoch gilt, dass das augenblickliche Bereitstellen eines passenden Begriffes dem Wahrnehmen selbst nicht zutr\u00e4glich ist. Wollen wir Wahrnehmung \u00fcben, m\u00fcssen wir diesen Vorgang kennen. Dann k\u00f6nnen wir in ihn eingreifen, k\u00f6nnen den sich einstellenden Begriff noch einmal zur\u00fcck-dr\u00e4ngen und auf diese Weise dem Sehen, dem H\u00f6ren den Platz schaffen, den sie brauchen, damit sie sich entfalten k\u00f6nnen. So erziehen wir uns zum Staunen. Im Staunen aber verbindet sich statt des Denkens eine ganz andere Seelenkraft mit dem Wahrgenommenen: unser Gem\u00fct, unser Mitf\u00fchlen. Welchen Unterschied macht es denn, ob wir mit dem Denken oder mit dem Empfinden, mit den Kr\u00e4ften unseres Gem\u00fctes die Dinge der Welt auf-nehmen? Malen wir uns einmal vor unseren inneren Blick eine Wiese, in helles, warmes Sonnenlicht getaucht, auf der zahllose Blumen ihre Bl\u00fcten ge\u00f6ffnet haben und das allgemein vorherrschende Gr\u00fcn mit den unterschiedlichsten Farbtupfern bereichern. Lauschen wir dem Summen und Brummen der eifrigen Bienen und der emsigen K\u00e4fer, folgen wir in innerer Beschaulichkeit dem Gaukelflug der Schmetterlinge \u2013 hier zwei Zitronenfalter, dr\u00fcben ein Pfauenauge, da hinten Kohlwei\u00dflinge \u2013 sobald wir sie zu z\u00e4hlen beginnen, sind sie verschwunden, aber andere tauchen unvermittelt auf\u2026 Der warme, ein wenig trockene Duft der Wiese steigt uns in die Nase. Ein Windhauch streicht \u00fcber uns, und die Halme neigen sich leise vor ihm\u2026 H\u00e4tten wir keine Begriffe, wir k\u00f6nnten das Bild gar nicht in unsere Seele hereinrufen. Aber was aufgrund der Benennungen in unserer Seele entsteht, ist erstaunlicher Weise etwas ganz anderes als die Summe der aus-gesprochenen Begriffe. Es ist ein Erlebnis, eine Erfahrung, eine Stimmung, die von den Begriffen ganz unabh\u00e4ngig ist, die unmittelbar mit dem Wahrgenommenen selbst zusammenh\u00e4ngt. Was tut unser Gem\u00fct? Es l\u00e4sst die von den Begriffen zu den Din-gen leiten, auf die es hingewiesen wurde. Dann aber sieht es ganz ab von den Begriffen und l\u00e4sst die Dinge selbst in sich aufleben. Es bl\u00fcht mit den Blumen im Sonnenschein, gaukelt mit den Schmetterlingen \u00fcber die Wiese, streicht mit dem Windhauch \u00fcber die Halme. Das Gem\u00fct fragt nicht, welcher Be-griff zu einer Wahrnehmung hinzugeh\u00f6rt, es lebt sich in das Wahrgenommene selbst unmittelbar ein, identifiziert sich damit. Es setzt nicht einen Namen an die Stelle des Sinneseindrucks, sondern erg\u00e4nzt und bereichert ihn mit einer seelischen Empfindung.<br> Das Gem\u00fct schreibt der Seele nicht das Wort \u00bbFalter\u00ab ein, es macht, dass die Seele selbst ein wenig zum Falter wird \u2013 und das ist ihre Art, den Falter wahrzunehmen: nicht als Ding von au\u00dfen, sondern als Wesen von innen. Indem es das tut, erlebt die Seele unmittelbar, dass sie mit den Dingen der Welt verwandt ist. Der Verstand hat es mit Objekten zu tun. Das Gem\u00fct erlebt nicht objektiv, sondern subjektiv: Diese Erfahrungsweise erlaubt ihm, das Wesen der Dinge zu erfassen, ihr Inneres mit dem eigenen Erleben zu ertasten, ihre Absichten und Ziele als innere Erfahrung zu ersp\u00fcren. Was dem Verstand nur Attribute sind, an denen es ein Ding wiedererkennt \u2013 der St\u00e4ngel, die Blattform, die Bl\u00fctenfarbe einer Blume\u2013, das erf\u00fchlt das Gem\u00fct als Geb\u00e4rde, als Geste, in dem das so wahrgenommene Wesen sich ausspricht: im aufrechten St\u00e4ngel sein Streben zum Licht, in der Rundung oder Zackigkeit der Blattform seine Wesenseigenart, im offenen Kelch seine Hingabe- und Empfangsbereitschaft. Wir sagten am Anfang, dass es dem Geistigen in der Welt gegen\u00fcber eine weit verbreitete Sinnesschw\u00e4che gebe. Wir haben zu zeigen versucht, dass diese Sinnesschw\u00e4che ihre Ursache nicht in der Beschaffenheit der Sinne selbst hat, sondern in der Art hat, wie wir uns im allgemeinen der Welt zuwenden. Unser schnelles Urteilen gew\u00e4hrt uns ein Gef\u00fchl der Sicherheit in der F\u00fclle der Sinneseindr\u00fccke, die auf uns einst\u00fcrmen. Es verhindert aber ein tieferes Wahrnehmen der Dinge um uns her. Nur was in unserer Seele aufleben, was in uns zu seinem \u00e4u\u00dferen Dasein eine innere Offenbarung hin f\u00fcgen kann, das kann auch von seinem heimlichen Wesen, von dem in ihm verborgenen Geistigen k\u00fcnden. Unsere eigene Seele ist die Welt, in der die Dinge das geistige Wesen aussprechen, das sie in sich tragen, und wir m\u00fcssen ihnen, wollen wir an das Geistige in ihnen r\u00fchren, den Zugang zu dieser Welt, die Beziehung zu unseren Gem\u00fctskr\u00e4ften, \u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser Haltung ist aber weit mehr verbunden als nur die M\u00f6glichkeit f\u00fcr uns selbst, an das Wesen-hafte in den Dingen der Welt zu r\u00fchren. Sie erscheinen nicht nur in unserer Seele anders, als sie allein von den Sinnen wahrgenommen w\u00fcrden; sie verwandeln sich auch, sobald unser liebevoller Blick auf sie f\u00e4llt. (Davon spricht Rudolf Steiner in seinen Vor-tr\u00e4gen \u00fcber \u00bbAnthroposophie und das menschliche Gem\u00fct\u00ab.) Indem wir uns in ihr Wesen einleben, sie in unserem Mitempfinden erstehen lassen, ist es f\u00fcr die Naturwesen, als w\u00fcrden sie aus dem Traum ihres Daseins erwachen. In unserem eigenen Begreifen, begreifen auch sie, wer sie sind und welches Ziel sie in sich tragen. Was in der Pflanze als Seelengeste erstarrt und ver\u00e4u\u00dferlicht erscheint, erf\u00fcllt sich nun mit Seele. Was im Tier als Seelentrieb vereinseitig erscheint, wird aufgenommen in das Wechselspiel menschlicher Seelenregungen und gewinnt Anteil am Willen zur L\u00e4uterung. Indem wir als Menschen die Beziehung zu ihnen aufnehmen, wird es den Dingen der Welt m\u00f6glich, in einer gewissen Weise \u00bbIch\u00ab zu sich zu sagen. Erl\u00f6sung aus der Traumbefangenheit, der Schlafbefangenheit ihres Erdenseins suchen die Wesen der Natur in unserer anteilnehmenden Seele. Wo unsere Sinne wahrnehmen, da geht ein Teil der Verantwortung daf\u00fcr, dass diese Erl\u00f6sung geschehen kann, auf uns \u00fcber. Davon schreibt Paulus den R\u00f6mern, wenn er darlegt, dass die Wesen der Sch\u00f6pfung voller gro\u00dfer Sehnsucht auf den Menschen schauen, der bewirken soll, dass auch durch ihre Reiche \u00bbder Atem der Freiheit hin-durchgehen\u00ab kann, auf dass sie die Verg\u00e4nglichkeit absch\u00fctteln und Anteil am geistig Wesenhaften gewinnen k\u00f6nnen (R\u00f6 8). Mit ganz anderen Worten spricht der Fuchs zum kleinen Prinzen in der gleichnamigen Erz\u00e4hlung von Saint-Exup\u00e9ry von demselben Geheimnis, wenn er lakonisch feststellt: \u00bbDu bist f\u00fcr deine Rose verantwortlich.\u00ab Nicht nur f\u00fcr unsere Art des Erkennens und Verstehens der Welt ist es von Bedeutung, auf welche Weise wir uns den<br> Dingen zuwenden, auch f\u00fcr die Kreatur bedeutet es sehr viel. Indem wir uns vergegenw\u00e4rtigen, in welchem Verh\u00e4ltnis zur Welt wir mit unseren eigenen Gem\u00fcts- und Erkenntniskr\u00e4ften stehen, haben wir eine M\u00f6glichkeit gewonnen, auch das Himmelfahrtsereignis in seiner Auswirkung tiefer zu begreifen. Vor dem Blick der J\u00fcnger entschwand die Gestalt Christi im Wolkenreich. Das Wesen Christi blieb nicht mehr auf den menschlichen physischen Leib beschr\u00e4nkt. Es wurde an Himmelfahrt welten-weit. Was das bedeutet, k\u00f6nnen wir jetzt ein wenig fassen. Nicht nur in der \u00e4u\u00dferen Welt haben die Dinge der Welt und haben wir selbst seither unser Dasein und Leben. Auch in seinem Wesen sind wir anwesend. \u00bbIn ihm leben und weben und sind wir\u00ab, verk\u00fcndet es Paulus (Apg 17, 28). Wie in uns die Dinge der Welt zu ihrem Eigenwesen erwachen, ihr Eigenwesen erfahren m\u00f6chten, so gibt es auch f\u00fcr uns ein h\u00f6heres Erwachen und ein h\u00f6heres Erfahren unserer selbst durch die Tatsache, dass wir im We-sen des auferstandenen Christus mitleben. Unsere besten Absichten und unsere h\u00f6chsten Ziele leben auf in seinem Mitf\u00fchlen, in seinem Mitwollen und werden dort f\u00fcr uns erkennbar \u2013 und auch f\u00fcr uns. Dieses Mitleben in der weltenweiten Christusseele ist die Grundlage daf\u00fcr, dass wir immer wieder Auferstehung erfahren, Auferstehung aus den Abgr\u00fcnden unserer eigenen Schw\u00e4che, unserem Ungen\u00fcgen, unserer Ziellosigkeit. Wenn wir zum Nachthimmel aufschauen, erkennen wir dort die zahllosen Sterne, die uns tags\u00fcber verborgen waren. Jeder Mensch, so meinte man fr\u00fcher, habe dort oben seinen eigenen Stern. So k\u00f6nnen wir ahnen, dass in der zum Himmel gewordenen Christusseele ein jedes Menschenwesen wie ein Stern leuchtet, durchf\u00fchlt und in seinem Ziel verstanden und gef\u00f6rdert durch das Miterleben und Mitempfinden des Christus selbst. In unserem Erdensein verd\u00fcstert sich uns mitunter der Blick auf uns selbst, wir zagen, zweifeln an uns, am Sinn unseres Daseins. Indem wir uns einleben in den Himmel der Christusseele, kann unser Wesen sternengleich \u00fcber uns aufleuchten. Wir erf\u00fchlen, wie er, Christus, uns denkt, wie er uns f\u00fchlt, wie er uns will.<br> So finden wir, von seiner Seelenkraft gest\u00e4rkt, neuen Mut zu uns selbst und zum Leben auf der Erde, dass wir jetzt zugleich ein Leben erfahren im Himmel seiner weltenweiten Seele.<br> \u00bbIn ihm leben und weben und sind wir.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Georg Dreissig In der Menschenweihehandlung hei\u00dft es von dem zum Himmel aufgefahrenen Christus, er lebe im Er-densein und verkl\u00e4re das Erdensein mit Himmels-sein. 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