{"id":2315,"date":"2020-04-04T18:48:14","date_gmt":"2020-04-04T16:48:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cg-koeln-ost.de\/start\/?p=2315"},"modified":"2020-04-04T18:48:15","modified_gmt":"2020-04-04T16:48:15","slug":"klage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cg-koeln-ost.de\/start\/?p=2315","title":{"rendered":"Klage"},"content":{"rendered":"\n<p> von Navid Kermani aus \u201eUngl\u00e4ubiges Staunen \u00fcber das Christentum\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Sohn ist so leicht geworden, buchst\u00e4blich auf die Knochen abgemagert, auch die Beine spindeld\u00fcrr, dass die Mutter seinen Oberk\u00f6rper ohne Anstrengung auf der flachen Hand h\u00e4lt. Seine H\u00fcfte k\u00f6nnte sie, deren Finger unnat\u00fcrlich lang sind, mit zwei H\u00e4nden umschlingen. Ist sie \u00fcberhaupt die Mutter? Wenn ich recht sehe, stellen sich die Katholiken Maria fast immer j\u00fcnger vor, als eine Frau sein k\u00f6nnte, deren Sohn vier, oder achtunddrei\u00dfigj\u00e4hrig starb, die damalige Lebenserwartung einberechnet als reifer Mann, aber die Maria in St. Kunibert sieht noch j\u00fcnger aus als gew\u00f6hnlich, nicht nur wegen der roten Wangen fast wie ein M\u00e4dchen, die helle, fast wei\u00dfe, kaum je von Sonne beschienene, gleichsam erfahrungslose Haut ohne Makel, in den Augen nicht blo\u00df Trauer, vielmehr v\u00f6llige Hilflosigkeit, die ja auch etwas Kindliches hat, die Hilflosigkeit einer, die auf  Erden niemand mehr hat, der Eindruck noch verst\u00e4rkt durch die andere, die angehobene Hand, die deshalb so kl\u00e4glich wirkt, weil der ganze \u00fcbrige K\u00f6rper, auch die Mimik wie paralysiert wirken, im Gesicht eine Schlichtheit, etwas absolut Anti-Intellektuelles, etwas ganz unmittelbar Aufnehmendes, den Schmerz nicht Filterndes, die Welt nicht Begreifendes, dass der Gedanke abwegig erscheint, sie k\u00f6nne sich mit einem Gott im Himmel tr\u00f6sten. Der Glaube mag Erwachsenen ein Trost sein, selbst M\u00fcttern, die sich lang genug in der Fr\u00f6mmigkeit ge\u00fcbt haben, aber wie soll man Gott einem Kind erkl\u00e4ren, einem M\u00e4dchen, das seinen get\u00f6teten Vater im Arm h\u00e4lt?<\/p>\n\n\n\n<p>Ach, was sage ich, wohin f\u00fchren mich meine\nGedanken; es ist ja Maria, sie selbst ist die Mutter und der Get\u00f6tete ihr Sohn,\nobwohl dieser andererseits aussieht wie \u2013 nein, nicht wie ihr Vater, aber wie\nein sehr viel \u00e4lterer Bruder oder ein Onkel oder vielleicht doch wie ihr Vater,\ndas damalige Heiratsalter einberechnet? \u00dcberhaupt verwirren mich die\nDimensionen; stelle ich mir beide K\u00f6rper aufrecht nebeneinander vor, dann\nscheinen sie gleich gro\u00df zu sein, aber wie der Tote auf ihrem Scho\u00df liegt, die\nF\u00fc\u00dfe in der Luft schwebend, so dass sein K\u00f6rper beinahe den Querbalken eines\nKreuzes nachbildet, wirkt er irgendwie eingeschrumpelt, wirkt er winzig, was ja\nauch etwas Greisenhaftes hat. Seltsam zumal, dass Jesus Oberk\u00f6rper und seine\nBeine nicht in den rechten, oder besser: realistischen Proportionen zueinanderstehen,\njener zu gro\u00df, diese zu kurz.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kunstreisef\u00fchrer steht nichts \u00fcber die Piet\u00e0,\ndie wie ein \u00fcbriggebliebenes Dekor auf den Altar des s\u00fcdlichen Mittelpfeilers\ngestellt worden ist, und selbst in der drei\u00dfigseitigen Brosch\u00fcre, die im Regal\nneben dem Eingang zwischen Postkarten und dem Gemeinderundbrief zum Verkauf\nausliegt, ist f\u00fcr den Preis von drei Euro nicht mehr zu erfahren, als dass die\nSkulptur aus dem fr\u00fchen f\u00fcnfzehnten Jahrhundert stammt, nicht einmal aus\nwelchem Holz sie geschnitzt ist, wo sonst jedes Portr\u00e4t eines Kanonikers\nbedacht wird. Ich bin auch nicht wegen der Piet\u00e0 die paar hundert Meter von\nmeinem B\u00fcro nach St Kunibert geradelt, sondern weil ich ein Kruzifix betrachten\nwollte, das mit einer Kreuzigung verwandt ist oder sogar in der gleichen\nWerkstatt erschaffen wurde, die mich in einer Ausstellung ergriffen und\nschockiert hatte, weil es die k\u00f6rperliche Qual des Erl\u00f6sers in absolut\nersch\u00fctternder Drastik zeigt, der Mund in Agonie aufgerissen, die Stirn schmerzverzerrt.\nAllein, die Kreuzigung, die ich in St. Kunibert vorfand, ist im achtzehnten\nJahrhundert wei\u00df get\u00fcncht worden und auch sonst nicht \u00fcber das gewohnte Ma\u00df\nhinaus drastisch, Jesu Gesicht so friedlich, als w\u00fcrde er sanft tr\u00e4umen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Der Jesus hingegen, der unbeachtet auf Marias Scho\u00df liegt, ist nur mehr ein Skelett, \u00fcber das sich die Haut so sehr spannt, dass die Hohlr\u00e4ume zwischen den Rippen zu tiefen Furchen geraten, die Lippen noch wie im Todeskampf aufeinandergepresst, die Wunde an der Brust fingerbreit, das braune, mit Schmutz vermischte Blut \u00fcber den ganzen K\u00f6rper verspritzt, die Stirn im Tod noch gerunzelt vom \u00fcbergro\u00dfen Schmerz, auf dem ohnehin l\u00e4nglichen Gesicht die Falten so lang, dass sich noch ein Schrei abzuzeichnen scheint. Nur die geschlossenen Augen wirken bes\u00e4nftigt; wie erl\u00f6st ruhen die Lider aufeinander. Ja, erl\u00f6st, geht mir beim Anblick durch den Kopf, erl\u00f6st; dieser Jesus ist kein Erl\u00f6ser, sondern wirkt selbst von der Folter, der Verachtung, dem Verrat der Mitmenschen erl\u00f6st, weswegen sich pl\u00f6tzlich die Frage mir aufdr\u00e4ngt, ob er \u00fcberhaupt auferstehen wollte, st\u00fcnde er vor der Entscheidung, ob er nicht das Nichts vorz\u00f6ge einem Leben, auch einem k\u00fcnftig ewig sch\u00f6nen Leben, das aber zuvor solche Qualen bereitet. Es sind ja nicht nur seine Qualen beziehungsweise sind diese nur das Extrem der Qualen aller Menschen, ob S\u00f6hne oder V\u00e4ter, ob M\u00fctter oder T\u00f6chter und manchmal nicht blo\u00df das Extrem.<\/p>\n\n\n\n<p>Der katholische Freund, dem ich ein\nblitzlichthelles Foto gemailt habe, spielt am Telefon meine Entdeckung\nherunter. Zwar scheine meine Piet\u00e0, die da unbemerkt von der Kunstgeschichte\nein paar hundert Meter entfernt von meinem B\u00fcro stehe, durchaus hochwertig zu\nsein, aber au\u00dfergew\u00f6hnlich nun wiederum auch nicht. Nein, nein, nicht einmal\ndie Proportionen, beantwortet der Freund meine n\u00e4chste Frage und verweist auf\ndie Marienmystik im sp\u00e4ten Mittelalter, deren zentrale Erfahrung die Einf\u00fchlung\nin die Gottesmutter sei, nicht so sehr in den Sohn; bei Beerdigungen, f\u00fcgt der\nFreund an, trauerten wir doch auch mehr mit den Hinterbliebenen als mit dem\noder der Verstorbenen selbst, deren Zustand sich unserer Vorstellungskraft\nentz\u00f6ge. Weil die Piet\u00e0 den Zweck habe, das Mitleid der Gl\u00e4ubigen hervorzurufen\noder zu erneuern, sei auf den Piet\u00e0s des vierzehnten und f\u00fcnfzehnten\nJahrhunderts die Maria immer gr\u00f6\u00dfer geworden, gr\u00f6\u00dfer und gr\u00f6\u00dfer, Jesus immer\nkleiner. Ich bin mir nicht sicher, ob mich das \u00fcberzeugt, murmele ich und\nverweise darauf, dass Jesus bei genauerer Betrachtung gar nicht sonderlich\nklein, vielmehr f\u00fcrchterlich schm\u00e4chtig wirke, wie ein abgemagerter Greis eben.\nDas k\u00f6nne er nicht beurteilen, sagte der Freund, auf dem Foto seien die\nGr\u00f6\u00dfenverh\u00e4ltnisse nicht genau zu erkennen. Die Frage, warum die Maria meiner\nPiet\u00e0 so jung, Jesus so alt ist, erspare ich mir, um mein Staunen zu bewahren.\nGern schaue er sie sich einmal an, wenn er das n\u00e4chste Mal in K\u00f6ln sei, sagt\nder katholische Freund zum Abschied.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob ich ihn tats\u00e4chlich mit zu\nmeiner Piet\u00e0 nehmen sollte. Vielleicht ergeht es ihm anders, aber in mir stieg\nw\u00e4hrend der Stunde, die ich ziemlich allein in St. Kunibert auf der Kirchenbank\nschr\u00e4g vom s\u00fcdlichen Mittelpfeiler sa\u00df, nach und nach der Gedanke auf, dass die\n\u201eFr\u00f6mmigkeit\u201c, wie der w\u00f6rtliche Sinn von Piet\u00e0 lautet, das Vertrauen auf Gott\neher ersch\u00fcttern als best\u00e4rken m\u00fcsse. Jesus am Kreuz wirft Fragen genug auf,\naber l\u00e4dt nicht in dem Sinne zur Identifikation ein, dass wir uns vorstellen\nw\u00fcrden, selbst am Kreuz zu sterben. Nat\u00fcrlich tut er uns leid. Aber leiden wir,\nleidet sogar ein gl\u00e4ubiger Christ tats\u00e4chlich mit ihm, ist genau das die\nEmpfindung des Betrachters oder nicht doch das Erschrecken dar\u00fcber, was einem Einzelnen\nangetan wird von Vielen? Selbst eine Mutter, die um ihren Sohn weint, so kalt\njeden der blo\u00dfe Gedanke durchfahren muss, der eigene Kinder aufwachsen sieht,\nselbst die trauernde Mutter entspricht nicht der Regel menschlicher Erfahrung,\nsondern bleibt f\u00fcr die meisten zum Gl\u00fcck der ultimative Albtraum. Hingegen die\nmeisten von uns, ob gl\u00e4ubig oder nicht, haben bereits oder werden \n\neinmal ihren toten\nVater, ihre tote Mutter im Arm halten. Wenn etwas, dann ist dies der\nmenschlichen Erfahrung eine Regel, dass die Eltern gehen und wir allein auf\nErden zur\u00fcckbleiben, sie kleiner werden, wir gr\u00f6\u00dfer.\n\n\n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Navid Kermani aus \u201eUngl\u00e4ubiges Staunen \u00fcber das Christentum\u201c Dieser Sohn ist so leicht geworden, buchst\u00e4blich auf die Knochen abgemagert, auch die Beine spindeld\u00fcrr, dass die Mutter seinen Oberk\u00f6rper ohne Anstrengung auf der flachen Hand h\u00e4lt. 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